Das Wochenende, nachdem Frau Mittenzwey das Internet wahrscheinlich nicht kaputt gemacht hat.

Das Wochenende, nachdem Frau Mittenzwey das Internet wahrscheinlich nicht kaputt gemacht hat.

»Denn plötzlich haben alle Zeit. Doch dann wird es richtig gemütlich, obwohl das Internet nicht funktioniert – oder vielleicht auch gerade deshalb.«
(Waschzettel zu Marc-Uwe Kling; Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat)

Kleine Geister würden sagen: Da sieht man mal wieder, wie abhängig wir doch von dieser Technik sind!
Ich sage es auch, denke aber darüber nach. Die beste Gefährtin von allen läuft etwas somnabul zum Rechner, um inhaltsleeren Blicks in den Bildschirm zu sehen. Das geht auch ohne Internet. Die Buben dürfen sowieso nicht an den Computer, bevor sie ihn brauchen, um ihre Promotionsurkunden einzuscannen. Der Herr Neuleerer hat fünf oder sieben Gerätchen, mit denen man papierlose Bücher lesen kann, trotzdem sind es meistens bedruckte Seiten, die ihm in der Wanne ins Wasser gleiten, wenn er zu tief über den Inhalt nachdenkt.

***

Frau Mittenzwey ist die etwas verhuschte Gattin ihres Gatten, den wir General nennen. Sie darf frei herumlaufen, aber nur ein Stückchen vor das Haus oder ein Stückchen hinter das Haus.
Wer jetzt denkt, der Dichter arbeitet sich aber an einem Klischee ab, irrt.
Es ist doch so: Für jedes Rollenfach gibt es Schauspieler, die gut passen oder sich irgendwann passend gespielt haben (etwa Carmen-Maja Antoni als komische Alte oder Manfred Krug als Manfred Krug). Aber vor die Rollen hat ja der liebe Gott das Leben gesetzt, das echte. Und das findet hier statt und zwar folgendermaßen:

Wir inspizieren mal ein bisschen unser Grundstück. Die Sonne lacht den März herbei und wir denken mal wieder, wir müssten mal wieder darüber nachdenken, was wir mal wieder tun müssten nach dem Denken.

Das Publikum naht. Wie wir so vor dem Haus stehen, steht Frau Mittenzwey auch vor ihrem Haus. Auf der anderen Seite steht Frau Goldfisch ebenfalls vor ihrem Haus; das fällt aber nicht weiter auf, denn sie steht immer da.

Dann gehen wir hinter das Haus. Frau Mittenzwey geht hinter das Haus.
Wir wollen unseren Besuch verabschieden und gehen wieder vor das Haus zur Straße. Frau Mittenzwey …
das muss ich nicht erzählen – sie steht da.

Jetzt hat sie ja nicht alles mitbekommen und ein furchtbarer Verdacht fällt auf Frau Mittenzwey. Nämlich, wie sich einige Tage später herausstellt, gab es einen Schaden am Telekomschaltdingenskasten; Frau Mittenzwey wird doch nicht?

Nein, gewiss nicht. Aber das Internet ist kaputt, und zwar das ganze. Kein Onlineshoppen, kein Onlineschooling, kein Onlinebanking, kein Telefon, kein Fernsehen. Mein Blog ist wieder der Block, das geht immer.

Das, was einen berührt, also so ganz wörtlich gemeint, geht auch immer und geht auch immer nur analog. Das Geschrei der Buben, ihr Geruch, ihr bandscheibensprengender Sport, wenn Papa Neuleerer Klettergerüst spielen muss – von dem, was die beste Gefährtin von allen analog tut, ganz zu schweigen, denn das gehört nicht ins Internet. Und dann kann es auch ein paar Tage kaputt sein. Das ganze Internet, von mir aus.

Frau Mittenzwey weiß das auch. Ihr Spionieren ist analog und das Tratschen mit Frau Goldfisch ebenso. Was habe ich für glückliche Nachbarinnen! Unabhängig von der Technik, immer schlechte Laune, mit oder ohne Strom.

***

Ich schreibe alles auf. Das geht ohne Strom. Aber zwei, drei Bekannte, zwei, drei Unbekannte wollen was lesen von mir, also bitte!

Das Internet geht wieder. Das ist gut. Aber es gibt Momente, da schert es mich nicht. Die Sonne scheint, ich schnappe mir den Krümel und scheuche ihn vors Haus. Mal sehen, was Frau Mittenzwey macht.

Heule und herrsche!

Heule und herrsche!

Ich habe heute mein Korsett (3200 Zeichen) gesprengt. Sieh’s als Doppelbeitrag

»Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.«

(J.W. Goethe, Faust I)

Mein Auto- und Küchensender startet eine Social-Video(?)-Reihe

Man kann video mit ich sehe übersetzen, aber auch mit ich verstehe, ich begreife und mein Verständnis hält sich in Grenzen. Nach der Kinderei des WDR (alte weiße Männer inklusive Janine Kunze diskutieren über Zigeunersauce, Betroffene waren nicht geladen) setzt mein Radio, welches ausgerechnet den Slogan »nur für Erwachsene« in den Äther bläst, den Nichtdiskurs fort, wenn auch mit anderen Mitteln. Genauer gesagt, mit anderen Akteuren – nicht alt, nicht weiß, die Hälfte nicht männlich. Der Unterschied ist geringer als man denkt.

»nenn mich nicht …«
(siehe auch https://www.radioeins.de/themen/_/nenn-mich-nicht.html)

Nadja Benaissa möchte nicht, dass man sie Mulatte nennt. Vielleicht Mulattin? Nein, natürlich nicht. Mulatte ist etymologisch verwandt, meint sie, mit Maultier (lat: mulus), das ist zu bezweifeln.

»also das Wort Mulatte ist auf jeden Fall ein ziemlich alter, rassistischer Begriff …«

Nein. Auf jeden Fall gibt es eine Reihe von Fremd- und Eigenbezeichnungen für Nachfahren ethnisch verschiedener Volksgruppen, die sich ohne weiteres mit »Mischling« übersetzen lassen (vgl. Kreole, Mestize), Mulatte gehört vermutlich dazu. Die Frage, wer sich oder andere damit aus- oder nur abgrenzen wollte, bleibt offen.

»er [der Begriff, gemeint ist: das Wort] wird manchmal einfach so, na ja, in so’ nem lockeren Umfeld, in so’ ner lockeren Atmosphäre einfach mal fallengelassen, spaßmäßig, und manche wissen auch einfach wirklich nicht, was hinter diesem Begriff [sie meint wiederum: Wort] eigentlich steckt.«
»… mich verletzt dieses Wort [jetzt wäre Begriff angebracht, auch wenn sie trotzdem schiefliegt], weil es ganz klar [?] ausdrückt, dass ein Mensch, der eine dunkle Hautfarbe noch in sich drin hat, weniger wert ist als der weiße Mensch.
Nenn mich lieber afrodeutsch.«

Uffa!
(ital. für: uff!)

Es sind erst mal nur Worte. N-Wort, M-Wort, Z-Wort. Es ist oberkindisch, dieses what-must-not-be-named, und in einem Kinderbuch wäre das auch erlaubt. Andererseits sind es die kindlichen (nicht kindischen) Leser, die wissen, dass man Lord Voldemort sagen darf, ohne dass gleich der Blitz einschlägt. Es sind nicht die Worte, will uns wohl die Dichterin Rowling sagen, die uns umbringen oder auch nur verletzen, obwohl uns die »Social-Video-Reihe von radioeins und rbb Kultur [… ] gerade dafür sensibilisieren [will]«.
»Es geht um Worte, die verletzen und respektvolle Alternativen.«
Hier fehlt ein »um«, aber das nur nebenbei.

Das, was hinter dem Wort steckt – der Begriff, das Konzept, die Haltung – wird gut gelaunt unterstellt. Die Haltung – wir reden, liebe Freunde des Telekollegs, von Rassismus – gibt es durchaus, und darüber wäre auch kein Streit. Aber was wäre denn die Frage, über die man streiten sollte? Den Rassisten genügt one drop of black blood – und dann finden sie auch das rechte Wort. Und sie werden afrodeutsch so benutzen, dass es wie eine Beleidigung klingt.

***

Also will man jetzt die – meistens völlig unwichtige – Farbnuance ignorieren? Oder will man doch darauf hinweisen (und gewiesen werden), dass man irgendwie anders ist? Besteht man evtl. darauf, dass man nicht black ist, sondern irgendwie anders coloured? Ist man mit dem Unterschied, der doch so unwichtig sein soll, nicht zufrieden und unterscheidet noch feiner? Das Unterscheiden (discriminare) ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung für Rassismus; die Verachtung hingegen, um die es ja geht, findet immer etwas.

Scherze der Art, wie sie die Coloured People sich gegenseitig klauen (Woher kommst du? Aus Dortmund. Nein, ich meine ursprünglich? Ach so, aus Köln) würde man in New York oder Havanna überhaupt nicht verstehen. Dass ein blitzblankreinweißer Piepel z. B. in einer Neuköllner Grundschule, der sich in einer erdrückten Minderheit befindet, ausgegrenzt wird, ist dann mit eingekauft.

***

Ich hätte die Serie »Call Me Ishmael« genannt. Das hätte Esprit, einen Bezug zur Vergangenheit, zur Kultur, einen Schuss Ironie. Also alles, was der verkrampften Haltung der Bewohner des Türmchens, der neben Ivories nun Gott sei Dank auch Ebonies beherbergt, die man trefflich zu Komplizen machen kann, fehlt.
Nenn mich Ismael. Nenn mich Kevin, nenn mich Johanna, nenn mich Yasmin, Abdul …
In welcher Weise ich nicht genannt werden will, steckt in dieser Bitte schon drin. Damit umgeht man auch die Gefahr des Framings. Was ist denn besser: Sag Katrin zu mir oder nenn mich nicht Pummelchen? Ich heiße Jörg oder Ich bin keine fette Sau? Wieviele kommen wirklich auf die Idee, Frau Benaissa Mulatte zu nennen?
»Nenn mich lieber afrodeutsch.«
Von mir aus. Aber warum nicht Frau Benaissa oder Nadja?

Nadja Benaissa hat sich nebenbei bemerkt, recht unappetitlicher Straftaten schuldig gemacht. Es gäbe also in der Stilebene, die ich nicht benutze, passendere Schimpfwörter. Nicht, dass sie keine Meinung mehr haben dürfen sollte, aber sie weiß, dass es bei Verletzungen graduelle Unterschiede gibt.

***

»Dass [die Leute] Trumps Vulgaritäten akzeptierten oder sogar bejahten, liegt aber wohl auch daran, dass sie darin einen Protest erblickten – nämlich dagegen, von den immer privilegierten Eliten ständig auch noch moralisch abqualifiziert zu werden.«
(Robert Pfaller: Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur)

Quentin Tarantino hat das sauber herausgearbeitet: Die Rassenfrage als Klassenfrage; bist du oben oder bist du unten?
Der (schwarze) Marsellus Wallace: »Bist du mein Nigger?«
»Sieht jedenfalls ganz so aus … « antwortet (der weiße) Butch Coolidge.
(Pulp Fiction)

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Mein Radio – nur für Erwachsene – erlaubt sich kindische Alberheiten wie Bonnies Ranch oder das weitgehend inhaltslose Gesülze Geplauder der Blauen Stunde. Das geht in Ordnung. Wer aber wichtige Themen abhandeln will, sollte eine reife Leistung abliefern. Prominente deutsche Journalisten, Musiker, Sportler gehören nicht zu der Bevölkerungsschicht, welche die grausamsten Beschädigungen und Beschämungen zu erleiden hat, auch wenn sie mit einem halben Bein noch in Afrika oder Asien stehen. Rassismus ist keine Frage der Höflichkeit; wer ihn bekämpfen will, muss die sozialökonomischen Strukturen erkennen, kritisieren, verändern. »nenn mich nicht …» wirkt mit genau der Herablassung, die man sich doch verbitten möchte.

Trotzdem: Höflichkeit ist ein guter Anfang. Nenn mich nicht …! (Lieblingsschimpfwort einsetzen).

Der König hat immer noch nichts an

»Der auf das Treiben von Wissenschaft bezogene Topos der unkritischen Kritik findet eine auf das Treiben von Bildung bezogene Entsprechung im Topos der Halbbildung: Allseits unauthentisches Begrasen des Gegenstandes dient der Bedienung kultureller Produktionsinstanzen«
(Wolfram Meyerhöfer, Mathematikaufgaben zwischen Bildung und Standards, 2015)

Nach meinem Grimm über die Bildungsforschung hat Gott sei Dank Karl Marx die Ehre der Bildungsforscher halbwegs gerettet.
Allerdings stimmt das nur zum Teil. Es war ja nicht Karl Marx, der da aus meinem Radio gesprochen hat. Man müsste noch mal zurückspulen, dachte ich noch. Man staunt, was heutzutage alles geht.

Als ich noch jung war nämlich, gab es die Sendung Duett – Musik für den Rekorder. Um 15:03 Uhr, nach den Nachrichten, wurde vermeldet, das jetzt Uriah Heep (gesprochen wie geschrieben) folgt und dann musste man auf den Knopf drücken. Wenn genügend Band auf der Spule war, hatte man die A-Seite der Schallplatte auf demselben. Wenn nicht, dann nicht; verpasst hieß verpasst.
Das wollte ich gar nicht erzählen, aber nun steht es da.
Doch, das wollte ich erzählen, weil mich mitunter der Fortschritt doch begeistert. Man kann das Interview nämlich nachhören (https://www.radioeins.de/programm/sendungen/der_schoene_morgen/_/welche-folgen-die-corona-pandemie-fuer-schuelerinnen-hat.html), aber nur bis zum 26.02.2021.

Kai Maaz heißt der sympathische junge Mann und sympathisch ist auch, dass er sich keine Zahl aus der Nase ziehen lässt, was uns die Pandemie in den nächsten achthundert Jahren kosten wird.
»Es wäre der Blick in die Glaskugel, diese Zahl [der Schüler, welche Nachteile erleiden werden] genau zu beziffern …«
»Ich halte nichts davon, jetzt Coronajahrgänge auszurufen oder verlorene Generationen.«
Maaz verweist auf die Kurzschuljahre der sechziger Jahre, für die man auch nur theoretisch einen Nachteil ausrechnen könnte, »aber wir würden doch nicht ernsthaft von einer verlorenen Generation der jetzt 60-Jährigen sprechen …«
Nein, würden wir nicht. Auch nicht von den Opfern der »Neuen Mathematik« oder anderer Torheiten, und da spreche ich nur von den Westtorheiten. Selbst die Riesentorheit PISA, »mit der ein Prozess eingeleitet [wurde], der auf Standardisierung und Operationalisierung von Bildung gerichtet ist, und damit auf intellektuelle Verarmung und Formalisierung, auf geistige Enge und Orientierung am Mittelmaß …«
»wird die Schule langfristig überstehen …«

(Jahnke, Meyerhöfer: Pisa und Co. 2006)

Maaz lenkt also den Blick auf die aktuell vor uns stehenden Aufgaben. Das ist dann nicht mehr so wahnsinnig originell. Den Stolper-Preis gewinnt man damit nicht; den bekam der Bildungs- nein, nicht –forscher, sondern Bildungsökonom Ludger Wößmann. Gewiss völlig zurecht, aber ich stolpere gedanklich schon bei dem Wort Bildungsökonomie. Ich denke, das Eine hat verflixt wenig mit dem Anderen zu tun. Klar, mehr Bildung führt zu mehr Wohlstand, da muss ich nicht lange forschen. Ja, es stimmt wohl, dass der bessere Alphabetisierungsgrad der Protestanten einerseits zu höherer Bildung und anderseits zu höherem individuellem und gesellschaftlichem Wohlstand führte. Aber erstens würde ich das Einerseits-Andererseits nicht vorschnell kausal verknüpfen, zweitens hat Wößmann die Juden vergessen und drittens will er die ökonomische Effizienz, die er für die Wirtschaft – als Ergebnis – wünscht, in der Schule – als Voraussetzung – etablieren, und damit ist auch klar, dass er kleinere Klassen und überhaupt mehr Geld für die Schule ablehnt.

***

Eigentlich wolle ich mich heute an der KMK abarbeiten. Kein K hat was mit König zu tun, deshalb die Überschrift. Nun ist die KMK nicht nur so reaktionär und so uneinsichtig wie der Papst, sondern auch so langlebig, deshalb eilt es jetzt nicht.

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»Halt die Klappe, ich hab Feierabend!«
(Schildkröte)

Keine Chance nach der Krise

Keine Chance nach der Krise

»So traurig das ist, aber im Prinzip müssten all diese Kinder nach der Pandemie noch mal ganz
von vorne anfangen.«

Bernd Siggelkow, SZ-Interview vom 18. Januar 2021

Aus aktuellem Anlass habe ich zwei Aufsätze, die vor langer Zeit schon aktuell waren, frisch eingestellt. Sie liegen wohlverwahrt unter Alte Sachen/Schüler in Uniform.

Und wieder schreibt jemand von Humankapital. Das schlägt doch dem Fass die Corona ins Gesicht.

»Der Schulausfall in der Pandemie könnte 3,3 Billionen Euro kosten«
schreibt das Handelsblatt. Genau gesagt, sind es drei Autoren (Gillmann, Anger, Specht, Ausgabe vom 22./23./24.01.2021), und das ist auch nötig, denn es ist mindestens Dreifachkäse.

»Vor allem die Schulschließungen führen zu ›enormen wirtschaftlichen Schäden, sowohl für die einzelnen Schüler als auch für die gesamte Volkswirtschaft‹, warnt der Bildungsökonom des Ifo-Instituts, Ludger Wößmann. Denn nichts ist in der Bildungsökonomie so gut dokumentiert wie der Zusammenhang von Bildung und Einkommen«.

***

»Nicht alles, was sich reimt, ist ein Gedicht.
Nicht alles, was zwei Backen hat, ist ein Gesicht.«

(vermutlich Heinz Erhardt)

Wie muss ich mir den Zusammenhang von Bildung und Einkommen vorstellen? Ich denke, retrospektiv. Also eine Ökonomin hatte sagen wir 10.000 Stunden Unterricht bis zum Abitur und verdient nun 50.000 Euro per annum. Also bringt eine Stunde fünf Euro. Da wird doch die Milch sauer!
Aber wenn das stimmt, stimmt auch der Rest. Zweihundert Stunden Ausfall sind schnell beisammen, ergo fehlt später ein Scheinchen.
Nachdem (!) ich das schrieb, schaute ich noch mal nach und siehe, die rechnen wirklich so (der sogenannte Bildungsforscher Ludger Wößmann jedenfalls).
Einfacher Dreisatz und dreifache Einfalt!

»Auch für die Volkswirtschaft insgesamt müsse Deutschland mit langfristigen Wachstumsverlusten rechnen, mit einer durchschnittlich 1,5 Prozent niedrigeren Wirtschaftskraft bis zum Ende des Jahrhunderts (sic!). Das entspräche etwa 2,5 Billionen Euro.«
(ifo.de)
Wer das schreibt, lebt Ende des Jahrhundert nicht mehr. Ende des Jahrhunderts haben das Volk und seine Wirtschaft andere Sorgen und sicher keinen Euro. Ich kann es natürlich nicht beweisen, so wie die Schlaumeier vom ifo-Institut auch nur irgendwas beweisen können.
Ich bin ja für freie Forschung, aber wenn derlei Unsinn so forsch in die Welt gesetzt wird, sollte man vielleicht nicht gleich eine Zensur einführen, aber die Redaktionen könnten ja mal redigieren. Schaut doch mal ca. 80 Jahre zurück! Wie genau konnte man damals die heutige Prosperität vorhersagen? Die Antwort findet jeder allein, sofern er nur die Frage stellt.

Ich hatte jüngst geschrieben, dass die Krise die Eigentümlichkeiten der Gesellschaft deutlich macht wie ein Brennglas. Ich schäme mich wegen der mangelnden Originalität, das mit dem Brennglas ist anderen auch eingefallen. Es ist auch nicht originell zu erkennen, dass die Kinder der abgehängten Schichten deutlicher benachteiligt werden als die Brut der Eliten, man müsste nur hinsehen. Und es liegt nicht so sehr an den paar Stunden Unterrichtsausfall, sondern an der ausgesetzten sozialen und – nennt mich romantisch – Herzensbildung.
Man müsste nur hinsehen, aber es ist eindrucksvoller, und gleichzeitig bequemer, mit großen Zahlen zu jonglieren und vorsorglich darauf hinzuweisen, dass die Armut nicht nur, wie schon Fritz Reuter sagte, von der Powerteh kommt, sondern auch von der Corona. Da kann man nix machen.

Ja, das ist auch nicht originell.

Humankapital

Aus: Schüler in Uniform und andere Nestbeschmutzungen, 2008, weitgehend unveröffentlicht

Wächst auf demselben, mit VWL-Mist gedüngten Acker wie der Rohstoff Bildung.

Man kann einen Unternehmer zynisch nennen oder seine Profitsucht geißeln oder überhaupt gegen den Kapitalismus sein. Er wird immer so rechnen und er muss immer so rechnen: Wie viel Kapital schieße ich vor, wieviel bekomme ich dafür? In die Kosten fließen die Löhne ein, also ist der Arbeiter, genauer gesagt, sein Lohn, ein Kostenfaktor. In der Bilanz, die der Unternehmer dem Finanzamt vorlegt, steht nichts von Humankapital, aber wenn er strategisch denkt, wird er wissen: Die Ausbildung und Erfahrung sind schon etwas wert.

Nur: Vor dem Fabriktor ist Schluss damit! Da hat das Wort Wert andere Bedeutungen. Wer für Bildung plädiert und dabei von Investitionen spricht, die sich lohnen, oder eben vom Humankapital, begibt sich auf sehr dünnes Eis. Schlimm ist nämlich, dass man en passant einer Reihe von Menschen mitteilt, dass sie weniger oder nichts mehr wert sind. Wie weit ist es noch bis zu »unwertem Leben«? Wer jetzt empört zusammenzuckt, kann ja mal ein paar Altersheime besuchen.

Es gibt Menschen, die in ihrem Leben nichts mehr erwirtschaften können. Trotzdem sind sie mir viel wert. Ich könnte auch sagen, sie stehen mir nahe oder ich liebe sie, aber ich kann ja die Verbreitung des Wortes Wert in seinen vielen Bedeutungen nicht abschaffen.

Da haben wir sie wieder, die Inkommensurabilität: Wieviel wert ist denn eine alte Frau? Wieviel wert ist ein Down-Syndrom-Kind?

Alles oder nichts.

Rohstoff Bildung

Aus: Schüler in Uniform und andere Nestbeschmutzungen, 2008, weitgehend unveröffentlicht

Eine Tagung zur Bildung, also eine Bildungstagung, zur Bildung in Kindergärten, eine »Bildungstagung Kita« …
Schämt man sich in Deutschland Friedrich Fröbels, seiner großartigen Erfindung, seiner großartigen Wortschöpfung? Kindergarten heißt auf englisch kindergarten, auf deutsch – Kita.

Ich fange noch einmal an: Am 22. September 2003 fand in Potsdam eine »Bildungstagung Kita« statt. Sie stand unter dem Motto – Losung wäre freilich besser, also die Bildungstagungslosung – »Bildung, der Rohstoff, der zwischen den Ohren wächst«. Die reine Poesie.

Ich weiß nicht. Das hört sich gefährlich nach einem Tumor an. Jedenfalls wächst etwas zwischen den Ohren. Wenn das Wachsen keinen Platz mehr findet, quillt es aus Mund und Nase. Für den Bildungsrotz kann man ein Taschentuch benutzen, vor den Mund hält man sich ein Mikrofon und in ein solches sprach der damalige Minister Steffen Reiche:

»Ein Land, das über keine nennenswerten Rohstoffe verfügt, muss sich bei der Zukunftsplanung auf seine Stärken und seine Potenziale besinnen. Unstrittig liegen diese Potenziale in den Kompetenzen seiner Bevölkerung, und es ist an der Zeit, sich über die Konsequenzen dieser Einsicht zu verständigen. Das Land der Dichter und Denker ist dabei, seine Potenziale zu vergeuden und somit seine Zukunft zu verspielen.«

Wenn ein Politiker irgendwo ein Band durchschneidet, einen ersten Stein setzt oder eben eine Tagung eröffnet, darf er leeres Stroh dreschen, für kluge Worte hat er das Parlament oder sein Kabinett. Dann hüte er sich aber vor gewagten Assoziationen, die jemand ernst nehmen könnte.

Ein paar Rohstoffe – im eigentlichen Sinne – könnte man schon nennen. Aber es stimmt: Von deren Ausbeutung könnte Deutschland nicht leben. Das besagt aber gar nichts. Die Wertschöpfungskette umfasst ein bisschen mehr als das Ab- oder Ausbuddeln von Rohstoffen, und wenn die letzten Rohstoffe verbraucht sind, werdet ihr merken, dass man Kompetenzen nicht essen kann. Deutschland konnte lange Zeit ganz gut damit leben, Bodenschätze ein- und fertige Maschinen wieder auszuführen. Das hat mit den Dichtern und Denkern gar nichts zu tun. Beteiligt waren vor allem ungelernte und notdürftig angelernte Arbeiter, die immer genau so viel wussten wie nötig, um eine Maschine zu betreiben oder eine Schaufel zu heben. Daran wird sich auch nichts ändern, solange man die Bildung an den Bedürfnissen der Wirtschaft ausrichtet oder sich gar ihrer Methoden bedient.

Zwischen den Ohren wächst also ein Rohstoff. Und was macht man mit Rohstoffen? Richtig, man beutet sie aus. Ob Minister Reiche über die Umkehrung nachgedacht hat? In einem anderen Land, das über nennenswerte Bodenschätze verfügt, braucht also keiner Wachstum zwischen den Ohren. Wozu auch? Dass die Bewohner des Kongos nicht in Saus und Braus leben, ist wohl eine unglückliche Verkettung – Rohstoffe, und damit Geld, gäbe es genug. Folgerichtig hat von Leopold II. bis Joseph Mobuto keiner auch nur einen Cent für die Bildung ausgegeben; derzeit liegt die Ausgabenquote für das Bildungswesen laut wikipedia bei 0 % der Staatsausgaben.

Hat sich was mit Poesie.

Mimusisenf in der Sprache

Mimusisenf in der Sprache

»Auch ist es wichtig, dass die LuL im Auge behalten, dass es SuS ohne Drucker, Laptops oder Internetanschluss gibt!«
(Felix, vom Schulsprecher*innen-Team)
»Die KL hat im Klassenbuch ein Q zu vermerken und die Fachlehrer zu informieren. […] Die SuS werden über die Schulcloud von jedem LuL mit Aufgaben versorgt.«
(Katja, Schulleitung)

Ja, ich weiß. Es ist alles gesagt, und zwar von beiden Seiten. Gelangweilt, mit Verve, mit akademischer Strenge oder leichtfüßig.
Wer richtig gendern will, findet Rat. Der kostet manchmal was, ich finde alles billig.

Frau Lucia Clara Rocktäschel bietet ihre Dienste an. Und nun beherrscht euch – no jokes with names!
(https://www.lucia-clara-rocktaeschel.de/)

Und was hat sie in ihrem Täschel? (Ach, sorry!)
Sie kann »hochqualitative, an deiner Zielgruppe und SEO-Kriterien orientierte Texte schreiben und weiß über Diversity Marketing Bescheid.«
So so. Gab es das auch in deiner Größe?

Erfahrung:

  • 7 Monate Praktikum als Bloggerin, PR-Mensch, Newsletter-Texterin und Social-Media-Managerin bei TrendRaider
  • 3 Monate Praktikum als Online-Redakteurin im Kulturressort bei Berlin.de
  • 2 Jahre nebenberuflich als freie Texterin
  • 1,5 Jahre als Onpage-Texterin bei Performics

»Und so war meine Idee bald geboren: Ich werde die Diversity-Texterin.«
Gute Reise!
»Du möchtest, dass ich auch für dich Webtexte schreibe, die verkaufen?«
Nein, bitte nicht!

***

Ist es nicht garstig, sich über einen jungen Menschen lustig zu machen? Vegan, lesbisch, ohne echte Perspektive – die hat’s doch so schon schwer.
Nein, hat sie nicht. Und den Menschen, denen sie so sensibel begegnet, hilft sie nicht, sondern hätschelt sie mit unsinniger Formulierungsakrobatik. Sie entschuldigt sich allen Ernstes, »problematische Formulierungen« benutzt zu haben, zum Beispiel

»sich männlich/weiblich/nichtbinär fühlen: Ein Geschlecht ist nicht nur ein Gefühl.«

Teufel noch eins, das stimmt natürlich. Ein Geschlecht ist ein Geschlecht ist ein Geschlecht oder auch ein anderes Geschlecht.
Und meistens spielt das überhaupt keine Rolle.

***

Ja, ich weiß. Es gibt unzählige Aufsätze, in denen generisches und grammatisches und natürliches Geschlecht und so weiter und dass die Sprache verschandelt wird, wenn nicht gar vergewaltigt … aber ich will auch noch meinen Senf dazugeben und natürlich habt ihr gemerkt, dass Mimusisenf ein Anagramm ist.

Ich habe nur zwei Punkte abzuhandeln.

Punkt Zwei:
Regeln muss man einhalten. Ich meine Regeln, die wirklich verpflichtenden Charakter haben; nennen wir sie Gesetze, Verordnungen, Vorschriften.
Außerhalb, und das gilt z.B. auch für die deutsche Rechtschreibung, kann doch jeder machen, was er will.
Dann macht es doch bitte auch! Liebe Lehrer, Journalisten, Abgeordnete: Wenn ihr was zu sagen habt, dann sagt es. In aller Regel ist es egal, ob ihr männlich, weiblich oder divers seid. Ihr habt hoffentlich relevante Texte zu einem wichtigen Thema; konzentriert euch darauf! Jeder von euch wird als Individuum erkannt, als Herr Hallmackenreuther oder Frau Müller-Lüdenscheid, und ihr werdet von höflichen Menschen als Herr oder Frau angesprochen.
Nur unhöfliche Menschen fragen nach einem Beitrag über Lehrer, ob es denn keine Lehrerinnen gibt. Man kann sie gepflegt fragen, ob sie noch alle Korrekturstifte im Mäppchen haben.

***

Punkt Eins.
Ich habe mich gefreut. Dann fühlte ich mich hereingelegt.
Es gibt eine Website (https://geschicktgendern.de/), welche ein Lexikon enthält und das sehe ich mir an. Prima, denke ich, erinnern wir uns mit ihrer Hilfe daran, was wir schon mal wussten:

Forscher: Das sind Menschen, die in der Forschung tätig sind. Stimmt, hatten wir vergessen.
Hundehalter: Person, die einen Hund hält. Klar.
Makler: Häuser vertreibende Personen. Wusste ich’s doch.

Leider ist es so nicht gemeint. Man soll ja das erste Wort durch die dann folgende Wortgruppe ersetzen. Also zum Beispiel Mädchen für allesMensch für alles. Von mir aus. Leider geht dann die Ironie verloren, die durch die männliche – und durchaus übliche – Benutzung entstand. Die Aufgabe lautet, genderneutrale oder
-gerechte (was nicht dasselbe ist) Texte zu erleichtern.

Das geht aber nicht. Es kann nicht gehen.
Es mag bei sich entwickelnden Fachsprachen funktionieren: Man entwickelt einen Begriffsapparat und setzt ihn in der Fachgemeinde durch. Wenn jeder weiß, was ein Transistor ist, kann man das Wort benutzen.
Was ein host ist, weiß man, wenn man englisch versteht. Wenn IP-Leute das Wort benutzen, versteht man es nicht. Was IP bedeutet, weiß man evtl. auch nicht und das macht ja auch nichts – es ist ein Fachwort für Fachleute.
Das Genderlexikon ist aber ziemlich breit angelegt; es umfasst bislang gut 1500 Einträge und wird anscheinend weiter gepflegt.

Beispiele

Betrüger: unehrliche Person
Sexist: sexistische Person
Leser: lesende Person

Das ist soweit korrekt, halt nur etwas umständlich. Und wie gesagt, ich hätte es gern andersherum: Also so, wie es die letzten fünftausend Jahre verstanden wurde. Was für sich kein Grund wäre – warum nicht mal was Neues?
Personen, die einen Laden betreten, nenne ich Kunden. Eventuell bekommen sie Kundenausweise, vielleicht sogar periodisch eine Kundenzeitschrift.
Die Leute (Studenten), die mit mir gemeinsam studiert haben, nannte ich Kommilitonen. Und so weiter. Ich hatte bzw. habe Mitschüler, Kollegen, Nachbarn, Kameraden, Genossen. Mit einer Ausnahme (Militärdienst) waren es Menschen unterschiedlichen Geschlechts und das war auch allen klar. Und die Kundinnen, Studentinnen, Schülerinnen, Kolleginnen sind nicht mitgemeint (das wohl unsäglichste Wort der Debatte), sie sind überhaupt nicht gemeint. Die erwähnten Kollektive, Teams, Kollegien sind quasi amorphe Massen, deren Zusammensetzung völlig egal ist, es sein denn, sie ist Thema: »Papa, stell dir vor – in meiner Klasse sind nur drei Mädchen!«

Weitere Beispiele

Bauernkrieg: Krieg der landbewirtschaftenden Bevölkerung
(das meinen die nicht ernst, oder?)
Man könnte denken, die landbewirtschaftenden Personen bekriegten einander. Weit gefehlt!
Und übrigens, weil ich in dem Zusammenhang so oft auf das Wort Bevölkerung stoße: Das Wort gab es 1524 noch gar nicht. Es bezeichnet ursprünglich einen Vorgang (bevölkern) und ersetzt das in Verruf geratene Volk. Aber das nur nebenbei.
Verkäufer: Kaufhauspersonal; Personal
Äh?
Verfasser: verfasst von
Von der von-Sorte gibt es eine ganze Menge.
Herausgeber: herausgegeben von
Schirmherr: unterstützt von
Das, liebe Kinder, sind unterschiedliche Wortarten.
Übersetze: Schatz, räumst du noch den Keller auf? Morgen kommt der Gutachter.
Heißt jetzt: Morgen kommt begutachtet von.

Nachbarschaft: Umgebung
Ist nicht dasselbe. Ich denke an die Menschen, Umgebung, das »ist auch das Gras auf der Wiese, das Korn auf dem Feld, und die Vögel in der Luft und die Tiere der Erde …«
Und an der Stelle noch einmal: Welcher noch so depperte Depp läse denn aus Nachbarschaft, es gäbe dort keine Frauen?

Lächerliche Beispiele

Amateur: Neuling; Person ohne Vorkenntnisse
Das ist Quatsch, ein Amateur ist ein Liebhaber. Geschickt gegendert wird Liebhaber übrigens mit Begeisterte. Naja.
Passantenbefragung: Straßenbefragung
Werden die Straßen befragt?
Partnersuche: Lebensmenschsuche
Grundgütiger! Haltet die Eigentum entwendende Person!
Schneemann: Schneefigur
Warum steht Weihnachtsmann nicht drin?

Ein Beipiel gefällt mir:
Mutter-Kind-Parkplatz: Familienparkplatz
Gibt es aber schon.

Und noch einmal Punkt Zwei:

Nein, bitte, lasst es!
Engagiert euch, wo es nottut. Carolin Kebekus hat ein paar Beispiele, was man für Frauen tun kann:
In der medizinischen und pharmazeutischen Forschung kommen Frauen anscheinend gar nicht vor. Außerdem gibt es zuwenig Frauenklos und das ist gar nicht lustig.
Es gibt Zwangsehen, Genitalverstümmelungen, Nachteile in der Bildung und Berufsausübung. Darüber hinaus gibt es spezifische Formen der Benachteiligung von Männern, Jungen; von Kindern, Alten, Kranken, Behinderten. Da ist eine Menge zu tun.

Dass es Lehrstühle und bezahlte Stellen im Öffentlichen Dienst gibt, deren Inhaber sich ausschließlich damit befassen, die Sprache zu verschandeln, dabei weder Erfolg haben noch Erfolg haben können – als ob wir in Deutschland keine anderen Sorgen hätten! Und wiederum haben wir es mit Ersatzhandlungen zu tun: Ständige Tests und Studien, statt den Unterricht und die Bedingungen für guten Unterricht zu verbessern; eine Rechtschreibreform, die das Rechtschreiben erleichtern sollte, was ja nun voll ins Unterbeinkleid ging; gläserne Rathäuser, aus denen die Beamten immer noch auf uns Untertanen herabschauen …
… und nun die geradezu orwellsche Idee, die rechten Wörter könnten die rechte Haltung (welche eigentlich?) hervorzaubern.

Es geht nicht um ein bisschen Kosmetik. Man müsste quasi eine neue Sprache lernen. Mit allen Widersprüchen und logischen Fallen, welche jede lebende Sprache auszeichnet. Und man kann mit der Schere im Kopf nicht mehr die alte genießen. So wie man jetzt in der Coronakrise bei alten TV-Aufzeichnungen zusammenzuckt, wenn sich einander fremde Menschen umarmen, so wird man bei ungegendertem Goethe stocken:

»Handwerker Handwerkliche Fachkräfte trugen ihn. Kein Geistlicher Keine geistliche Person hat ihn begleitet.«
Wollt ihr das wirklich?

Warum liest sich die Prosa Heines so wunderbar modern? Weil die Sprache Zeit hatte. Sie hatte weiter Bestand; was für Heine gut war, konnte Fontane nutzen; Kästner hatte Lessing als Vorbild – hat’s ihm geschadet?
Ja, es gibt neue Vokabeln, und Marotten, wie die schon von Mark Twain verspottete Eigentümlichkeit des Deutschen, ein Verb erst nach einigen Kilometern, wenn man schon gar nicht mehr weiß, wie der Satz einmal angefangen hat und man dann wieder von vorn anfangen muss zu lesen, um es dann zu wissen, auftauchen zu lassen, wurden, und damit können gewiss auch Puristen sich abfinden, abgelegt.
Aus Perron wurde Bahnsteig. Das geht, aber es dauert. Aus Billet wurde Fahrschein, jetzt sagt man Ticket und das geht auch. Es gefällt nicht jedem, aber nochmal: Es muss nicht jeder mitmachen. Dass Coupé jetzt Abteil heißt, wurde 1904 amtlich, Erich Kästner ließ seinen Emil 25 Jahre später trotzdem ins Coupé steigen. Vier Jahre später wurden Kästners Bücher auf dem Berliner Opernplatz ins Feuer geworfen, aber aus anderen Gründen.

»Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.«

(Heinrich Heine, Almansor)

Aber das ist doch etwas ganz anderes!

Wirklich?
Die herz-, hirn- und humorlose Säuberung von Texten der ausgewiesenen Humanisten Twain und Lindgren ist der Anfang einer Barbarei, deren Ende man nicht kennt. Ach so, Michael Ende hat es auch erwischt.

Es ist derselbe Eifer, der auch Lebens-, Tier- und Umweltschützer treibt, wenn sie vergessen, dass man, wenn man schon kein Mandat hat, sich Verbündete suchen muss und ein Ziel. Dann, erst dann, sucht man sich die Mittel. Wenn die Mittel nicht nur den Zweck verfehlen, sondern einen anderen Effekt hervorbringen, hält man bitte inne und fängt von vorn an.

Die linguistische Idiotie zwingt haltungsschwache Menschen dazu, ständig aufzupassen, damit sie bloß nichts Falsches sagen. Es wird ihnen nicht gelingen, es ist fast so schwer, wie das Zehnte Gebot zu achten.

»Überdies bedeutet lul auf Niederländisch Trottel oder Pimmel. Und bei Sus denkt der Lateiner oder Biologe sofort an die Gattung Schwein.«
(Professor Hans-Jürgen Bandelt: Schluß mit LuL & SuS, condorcet.ch)

Auch das noch.

Raus aus den Pantoffeln, rein in die Pantoffeln

Raus aus den Pantoffeln, rein in die Pantoffeln

» … was für ein modernes Rendezvous,
Schule auf und Schule wieder zu.«

(nach dem Chris-Doerk-Song Die Schranke)

Gibt es keine Soße heute, fragt die beste Gefährtin von allen.
Im Prinzip koche ich gut. Ich bin nur manchmal in Gedanken, und dann fehlt bisweilen eine Komponente.

Aktuell denke ich darüber nach, warum Kollegen so unterschiedlich urteilen. Die einen denken an die Kinder, die eigenen und die ihnen zur Bildung anvertrauten, weil die Schulen geschlossen bleiben sollen – die anderen denken an die Kinder, schreiben aber böse Briefe an die Obrigkeit, weil die Schulen vorzeitig geöffnet werden sollen. Что делать?

Man kann sich öffentlich äußern. Das geht auch ohne Gedanken. Tobias Peter vom Redaktionsnetzwerk Deutschland kommentiert die Idee der GEW-Chefin Marlis Tepe, in diesem Jahr das Sitzenbleiben bleiben zu lassen:

»… die GEW-Chefin hat Recht [sic!] damit.
Denn das, was für manch einen vielleicht nach einem Freifahrtschein fürs Faulenzen klingt, ist einfach nur gerecht.


Soll am Ende etwa der einzelne Schüler mit einem verlorenen Jahr den Preis dafür zahlen, dass die Politik die Schüler nicht besser auf diese Situation vorbereitet hat? Dafür, dass Deutschland ein digitales Entwicklungsland ist? Das darf nicht sein.
Ungerecht wäre ein Sitzenbleiben in der Pandemie auch deshalb, weil es wieder einmal vor allem die träfe, …«

Vom scheinjuristischen Argument über die wohlfeile Moral zur Vulgärökonomie:
»Sitzenbleiben ist volkswirtschaftlich teuer. Es werden entsprechend größere Kapazitäten an den Schulen benötigt – und der Betroffene startet später ins Erwerbsleben und zahlt später Steuern.
Wenn wir dieses Geld [?] in eine bessere individuelle Förderung stecken, ist also nicht nur dem Einzelnen geholfen, sondern allen.«

Irgendwo auf dem Weg von der Grund- zur Henri-Nannen-Schule sollte doch die Weisheit zu finden sein, dass nicht die Gerechtigkeit der Motor unserer Gesellschaft ist. Auch könnte man, wenn man nicht mehr von Mutti das Taschengeld zugewiesen bekommt, herausgefunden haben, dass Geld etwas anderes ist als Humus, der von selbst auf dem Misthaufen entsteht und dann mehr oder weniger zweckmäßig auf die Felder verteilt werden kann.

***

Eva Kirchner von rbb24 findet etwas anderes heraus. Ihr Sohn (er heißt natürlich Anton) wird von ihr unterrichtet. Frau Kirchner bemüht sich, dem Tag Struktur zu geben. Zunächst fängt der Tag später als sonst an. Anton auch.

»Allerdings bin ich kläglich daran gescheitert, einen 45-Minuten-Rhythmus einzuhalten. Das funktioniert nicht. In manchen Fächern sitzen wir schon mal eineinhalb Stunden, weil Anton sich Themen erst einmal erarbeiten muss, bevor er die dazugehörigen Aufgaben lösen kann. Andere Hausaufgaben erledigt er in zwanzig Minuten.«

Nun, was lernt uns das?
Das Lernen verläuft nichtlinear, chaotisch und weitgehend planlos. Dass trotzdem geplant wird, ist kein Beweis. Das heißt, Herr Peter, wir brauchen keine individuelle Förderung für die Zukurzgekommenen, sondern einen individuellen Lernplan für jeden Schüler.

***

Ich denke immer noch nach; ich denke daran, wie die Pandemie die Eigentümlichkeiten der Gesellschaft wie in einem Brennglas vergrößert.

Heute Abend gibt es Nudeln mit Tomatensoße. Wahrscheinlich ohne Tomaten.

In jeder Chance steckt eine Krise

In jeder Chance steckt eine Krise

Kommt ein Arzt zum Mann und sagt: Komisch, meistens ist es umgekehrt.

Mir geht es nicht so gut. Ich kann kaum noch laufen. Mein Auto sagt, ich müsste mal auftanken. Das hatte ich vergessen; meine Jacke steckt noch im Kalender und seitdem weiß mein Kopf nicht mehr, wo ich bin.
Ohne Mensch bin ich nur eine halbe Brille, sagt meine Brille. Ach du lieber Mensch, sagt Gott. Die Lottozahlen haben zwar gewonnen, aber sie haben vergessen, mich zu tippen.

Das Leben sagt: Ich mach dir Beine, und nun fühle ich mich wie gerädert. Nein, ich bin gerädert. Ich rolle, habe das Getriebe im Sand und den Sand im Kopf.

Der Supermarkt fragt: Fehlt dir was? Ich sage, nein, da gibt er mir den Rest. Meine Haare wollen zur Friseuse, das dürfen sie aber nicht und ich frage mich, ob meine Frisur mehr leidet oder die Friseurin, die auch gern wieder Friseuse genannt werden möchte, wenn sie nur wieder frisieren darf.

***

Geh zur Schule, sage ich dem Jungen. Was redest du, sagt die Schule, ich komme zu dem Jungen. Und da ist sie nun, die Schule. Sie wedelt Arbeitsblätter auf den Esstisch, der Computer lockt mit Aufgaben, die Lösungen locken mit Punkten und die Punkte können umgewandelt werden in Spielgeld, welches natürlich nur am Computer eingelöst werden kann.

Die Jungen heißen jetzt alle Anton. Der Computer heißt nun auch Anton. Sein Familienname ist App. Anton App wohnt bei uns und spielt Schule. Nein, sagt Anton, ich bin die Schule.

Mein Anton spielt mit Anton und hat Sehnsucht nach Anton. Nicht Anton App, sondern Anton Meier. Der ist nicht so geduldig, aber auch nicht so langweilig und morgen heißt er nicht Anton Meier, sondern Jonas Schulz oder Klara Lehmann.
Anton Meier muss auch mit Anton App spielen, genau wie Jonas und Klara. Das ist kein Spiel, sagt die Lehrerin. Sie verteilt die Aufgaben und kontrolliert alles. Wie sie das macht, weiß man nicht. Sie sitzt in der Schule und weiß alles. Sie ist allein mit Anton, aber von der anderen Seite.

Ihr fehlt der Lärm.

***

Der Lärm wohnt nun bei mir. Er heißt Anton und spielt Jump ’n‘ Run. Das ging bisher ohne Computer. Ich hoffe, er verlernt es nicht. Leider ist er sehr laut.

Aber nicht jetzt. Es ist dunkel. Ich mach mir in der Stille einen Weinabend.
Und wenn ich genug geweint habe, sagt mein Kopf: Mensch hoch!

Meine Zähne putzen die Bürste, ich denke ein letztes Mal für heute: Was für eine verkehrte Welt!
Ich sehe, wie Frl. Corona ums Haus schleicht und denke: Hau bloß ab, du Miststück!

Und dann ist es wieder gut.

***

Morgen mache ich dem Jungen Beine, damit er in die Schule geht. Er muss nur die Treppe herunter, aber er muss hin. Er arbeitet seinen Stundenplan ab. Nicht App. Er nölt, wie es im Buche steht. Nicht im Schulbuch, denn das krakelt er voll. Ich überlasse es von Herzen gern der Lehrerin, ihn deswegen auszuschimpfen. Vielleicht lässt sie es auch. Das Buch kann man austauschen, meinen Anton nicht.

Das ist gut. Es geht mir gut, ich bin frisch betankt.

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Vorsätze

Vorsätze

»Die kursiv gesetzten Vorsätze YottaZettaZepto und Yocto gehören nicht zum internationalen Standard.«
(verschiedene Quellen, z.B. quantenwelt.de)

Die kriegen alles raus. Ein Elektron braucht, weiß man nun, 247 Zeptosekunden, um ein Wasserstoffmolekül zu durchqueren. Wer nichts mit der Angabe 247 Zeptosekunden anfangen kann:
247 Zeptosekunden gleich 0,247 Attosekunden. Attosekunden sollten doch geläufig sein.

Wozu braucht man das? Die Frage ist ungehörig. Sonst hört man nicht auf zu fragen. Braucht man das zweite Brandenburgische Konzert? Ich ja. Aber ich brauche keine Verlängerung des Dingens oder der Fingernägel. Ich brauche Hermann Kant zum Lesen, meine Kinder Uwe Kant zum Vorlesen und wir alle Immanuel Kant zum Angeben.
Jedem Paul nach seinem Maul; jeder Ute nach ihrer Schnute, hat schon Marx gesagt. Oder war es Friedrich der Große? Der sagte es auf französisch, aber bei Façon denke ich an den Friseur meiner Kindheit, zu dem mich mein Vater mit Stockhieben trieb.

Naja, nicht ganz, strenge Worte reichten, oder waren es nur Worte? Ich saß da äußerlich freiwillig und im Innern mit Ingrimm. Wenn ich mal groß bin, dachte ich, lasse ich mir die Haare lang wachsen.

So geschah es. Als mir die Haar bis in den Bereich der Lendenwirbelsäule reichten, kam der Einberufungsbefehl. Noch mal eine Mark dreißig für einen Fassong. Neben mir saß noch so ein Unglücksrabe, der nach einem Haarwuchsmittel frug. Der hatte das noch nicht in seinen Verstand gelassen, dass das Haarewachsen jetzt am besten achtzehn Monate Pause machen sollte.

Das wollte ich gar nicht erzählen, aber nun steht es da.
Vorsätze nämlich. Also es gibt, wie wir wissen, die Vorsätze für die Einheiten, milli, mikro, mega usw. Und dann gibt es das, was man am zweiten Jänner, wie wir Freunde der österreichischen Sprache gern sagen, vergessen hat.

Man kann das kombinieren. Ein Mikrovorsatz wäre zum Beispiel, in diesem Jahr nicht zu rauchen. Kein Problem. Bei meiner vorletzten Schwangerschaft habe ich mir das endgültig, wie ich meine, abgewöhnt..
Ein Kilovorsatz – und an dieser Stelle gedenken wir Fips Asmussens – wäre, mal zehn Kilo (ha!) abzunehmen.
Nächstes Jahr vielleicht.

Und nun kommt der Megavorsatz:

Nessuna settimana senza linea. Aber, liebe Freunde der schlanken Kost, ich werde mich auf 3200 Zeichen beschränken. Das ist ein gutes Maß. Ich habe vor vielen Jahren einmal eine feine Schulzeitschrift herausgegeben und die einzige Forderung an meine potenziellen Autoren war: 3200 Zeichen. Das klappte prima.
Eine Ausnahme will ich mir gestatten, die feile ich noch fertig und dann kommt sie in den Äther. Außerdem lege ich in den verschiedenen Rubriken noch ein paar alte Sachen ab. Die bleiben so, wie sie sind.

Silvester war wenig überraschend wenig laut. Das könnte so bleiben. Es gab viele Meldungen über abgerissene Gliedmaßen, aber die bezogen sich alle auf dieselben, insgesamt wenigen Unglücksfälle. Ein Superknaller im Elsass hat den Kopf verloren – na, das wird ihm eine Lehre sein!

Dass die Krise, welche auch immer, auch eine Chance ist, sagt sich so leicht. Ich fürchte, die aktuelle Krise hat uns nicht schlauer gemacht.
Und mit dieser optimistischen Aussicht verabschiede ich mich.

Gesundes neues Jahr!