Autobiographie V

Autobiographie V

»Wenn man einmal drei Augenzeugen über denselben Verkehrsunfall gehört hat, beginnt man nachzudenken, ob an der ganzen Weltgeschichte überhaupt etwas Wahres dran ist!«
(Elke Sommer)

Verletzt wurde niemand.
Dennoch war es ein grausiger Anblick. Ein Wartburg Tourist …

Da fällt mir etwas ein. Ich hatte kurzzeitig einen Mitarbeiter, dessen Namen ich hier wohl erwähnen darf, er hieß Maier. Sein Auto kam aus Bayern, die Kombiversion heißt Touring. Ich sagte ein paar Mal BMW Tourist und Maier ärgerte sich jedesmal heftig. Es war zum Piepen. BMW Tourist, vastehste?
Der von mir touchierte Wartburg Tourist war hellbeige und lag, als ich die Augen wieder aufmachte, in stabiler Seitenlage.


In mir lief ein Film ab. Exmatrikulation, ein Karriere im Steinbruch oder unter Tage, ein mehrjähriger Gefängnisaufenthalt. Schimpf und Schande!

Apropos Schimpf: Ich hatte natürlich die ganze Zeit an den Fahrer gedacht, deswegen war ich ja so aufgeregt. Wahrscheinlich habe ich ihn umgebracht. Nein, die Beifahrertür öffnete sich nach oben, das sah ein bisschen witzig aus. Der Fahrer turnte heraus und schimpfte wie mehrere Rohrspatzen. Dabei war er ganz allein.
Die mitfahrenden Mädchen hatten im Wolga Putzlappen gefunden und waren dermaßen neben der Spur, dass sie nicht erfassten, dass der Schmutz nicht das Problem des Wartburgs oder seines Fahrers war. Beide Reifen der rechten Seite waren abgeschält und die rechte Seite des Autos zeigte wie gesagt nach oben.

Die Mädchen putzten; ich unterhielt mich mit dem Fahrer, worüber, weiß ich nicht mehr. Die Polizei kam und schrieb alles auf.

***

Nein, ich schrieb alles auf. Ich schrieb tatsächlich auf, wie ich das erlebt habe: Ich fuhr aus der Dörpfeldstraße nach rechts auf das Adlergestell. Zweihundert Meter vor mir sah ich die Fahrzeugkolonne. Aufschließen! Das kannte ich noch vom Armeedienst. Von ziviler Bedeutung war außerdem, dass die Grüne Welle damals auf den Ausfallstraßen gut funktionierte, aber ich war ein Stück hinter der Welle. Der Straßenbelag war im Prinzip gut, aber nicht auf dem Stück, dass ich eben passierte. Sogenanntes Katzenkopfpflaster plus Regen senkten den Reibungskoeffizienten auf nahezu Null. Ich konnte das Bremspedal betätigen, aber nicht bremsen. Also wich ich etwas aus. Auf der rechten Spur war noch Platz. Der Wolga blieb aber nicht in der Spur, sondern dremmelte gegen die Bordsteinkante, rutschte zurück, und da war ja nun der Wartburg, für den Moment noch auf vier Rädern. Er muss sich dann gedreht haben und seinerseits gegen die Bordsteinkante auf der anderen Seite geprallt sein. Dann kam zum Glück nicht gleich der Gegenverkehr, sondern ein breiter, begrünter Mittelstreifen.

Nach einer Weile kam ein Schreiben von der Polizei; ich glaube, der Geschädigte war auch mal bei uns oder hat telefoniert. Ich musste ein paar Mark bezahlen und bekam zwei Stempel. Das war so ähnlich wie mit den Punkten in Flensburg, nur dass man mit der Stempelkarte das Register bei sich trug.

***

Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung. Das ist das wirklich Ungerechte – ich hatte weiter keinen Kummer. Dem Wartburgfahrer nutzte mein Schuldeingeständnis wenig. Er wird Geld von der Versicherung bekommen haben, aber er musste zur Werkstatt. Ob die gleich eine Termin hatten, ob die gleich alle Teile da hatten? Eher nicht.

Als ich das nächste Mal den Wolga putzte, also Monate später, entdeckte ich an der Ecke der Stoßstange, die sich ihren Namen unredlich verdient hatte, ein paar Mikrogramm Lack. Hellbeige. Das war der ganze Schaden meinerseits.

Vater war da einige Zeit vorher effektiver. Er hatte, wie er mir in meine Kaserne schrieb, einem Trabbi die Vorfahrt genommen, und wir hatten nun, wie es meine Schwester formulierte, ein eindrucksvolles Auto. Wie ich das – durch Zufall – fast vierzig Jahre später wieder entdecke, bin ich von der Gelassenheit der Kontrahenten beeindruckt. Aus heutiger Sicht ist das völlig unglaubwürdig: Man tauschte die Adressen, Vater beteuerte, dass es ihm leid tue, er sei auch schuld, auf die Polizei könne man doch verzichten. Gab es denn keine Anwälte in der DDR?
Nein.

Die andere Tür kam ihm dann beim Rückwärtsfahren aus unserer Ausfahrt abhanden. Schulterblick nach hinten. Im Prinzip vorbildlich, man sollte aber nicht über die rechte Schulter schauen, wenn links die Tür noch offen steht. Schon gar nicht, wenn die Ausfahrt durch eine Hecke begrenzt wird, ähnlich widerspenstig wie einst bei Dornröschen.

Der nächste Unfall kam mit dem nächsten Auto. Wieder eines der Sorte mein erstes Auto. Und auch diesmal blieb der Schaden in der Familie.

Fortsetzung folgt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s