Von Menschen und Mäusen.

Von Menschen und Mäusen.

»Wir erzählen meist eine Reise, auf der wir etwas herausfinden wollen und an deren Anfang wir auch noch nichts wissen.«
(Armin Maiwald, Interview mit dwdl, 5.3.21)

Ich frage mich, ob die Macher der Sendung mit der Maus je das Wort kindgerecht benutzt haben. Ich bin sicher, es gibt keine Bildungsstandards oder Lernziele. Es gibt vorgelebte Neugier, der man nur folgen muss. Es gibt durchaus ein gewisses Gefälle an Wissen – »macht nichts, erklär ich euch«. Und so, wie Slapstick ohne Disziplin und Präzision nicht funktioniert, verdanken sich die Erklärfilme einem Aufwand, den man den Filmen auch nur mit Aufwand ansieht.
»Am Anfang steht eine saubere Recherche. Wir recherchieren, bis es weh tut.«
(Armin Maiwald; Interview auf mmm.verdi.de/)

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Das ist nicht kindgerecht. Das Wort ist gar nicht nötig, weil es üblicherweise – wie zum Beispiel ergonomisch, Behindertenparkplatz oder gendergerecht – einen Mangel voraussetzt, dem man abhelfen möchte. Nein, der ältere Herr sieht aus wie ein älterer Herr, ist aber immer noch der große Bruder, von dem man sich lieber etwas erklären lassen möchte als von den Eltern oder gar dem Lehrer.

Die Sendung mit der Maus steht wie ein Leuchtturm in der Kinderfernsehlandschaft, ebenso einsam, und womöglich bald ebenso entmannt wie die echten Leuchttürme.
Die unbändige Lust am Lernen und der Drang, das Wissen zu vermitteln, bleibt im Ausnahmefall vorhanden. Christoph und Armin heißen dann Mark (Benecke) oder Mai (Thi Nguyen-Kim).

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Zwischen der Sendung mit der Maus und der Notwendigkeit, in der Wirtschaft Mäuse zu machen, steht die Institution Schule. Und die ist gnadenlos.
»Was man auch baut, – es werden stets Kasernen.«
(Erich Kästner, Kennst du das Land ?… 1928

Und wie die Soldaten sitzen sie, das Abi fest im Blick. Und nun – »Panik, einfach nur Panik«. Ein junger Mann (Kai Lanz, krisenchat.de) sieht so verzweifelt aus, dass man ihn in den Arm nehmen möchte – nana, wird schon! Andererseits ist der Blick sehr auf den Stoff fixiert, den man nicht schafft. Es ist letztlich der Wettbewerb um die Verwertbarkeit.
»Ich frage mich, wie ich überhaupt mein Abitur schaffen soll … meine Noten haben schon im letzten Semester komplett unter der Situation mit Corona gelitten … Ich habe einfach Angst, dass ich meine Zukunft in die Tonne schmeißen kann.«
(welt.de)
Andererseits, »oh dear – I seem to have three hands here, never mind« (Stephen Fry, Paperweight), – andererseits: Wie sind die verzagten Fragen zu beantworten?
»Ich bitte unbedingt um eine Lösung!! Ich weiß einfach nicht mehr weiter.“
(welt.de)

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Es ist der grundsätzliche Konstruktionsfehler der deutschen Schule. Es gibt Bildungsstandarts und Bildungsforscher, aber keine Bildung. Stattdessen stehen die Schüler vor einem Riesenpensum, das in allen Einzelheiten abgearbeitet werden muss, sonst güldet’s nicht. Bei Pensum denke ich an pensare (ital. für: denken). Schön wär’s!

Wenn doch die Schule nur so arbeiten könnte wie die Maussendung!
Wie baut man ein Auto?
Eine halbe Stunde und ein paar Clips später weiß man es im Prinzip. Man weiß gerade so viel, dass man ggf. im Einzelnen weiterforschen kann: Welche Stoffe werden gebraucht, wo kommen die her? Wie funktioniert eigentlich der Motor, warum braucht man Benzin? Und, das wäre quasi die Höhere Schule: Wie kann man das alles besser machen?

Die Frage, wie man die Schule besser machen kann, ist damit im Prinzip schon beantwortet.

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Die Sendung mit der Maus ist dieser Tage fünfzig Jahre alt geworden und die Schule sieht alt aus.
Pensum geht übrigens auf pendere zurück. Erklär ich euch nicht.

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