Bettvorleger im Tank

E300 ist der Code für Ascorbinsäure. E301 wird mitunter auch als Ascorbinsäure deklariert, obwohl es ein Salz der Ascorbinsäure, also etwas völlig anderes ist. Schließlich ist Natriumchlorid auch etwas anderes als Salzsäure, vor allem in der Wirkung. Aber das nur nebenbei.

Und E10? Steht auch für einen Zusatz. Nicht für Lebensmittel, es sei denn, man sieht Benzin als Lebensmittel für den kleinen Liebling namens Auto.

„Die Verwendung von Detergenzien kann dazu beitragen, dass Verbrennungsmotoren sauber bleiben und damit die Schadstoffemissionen verringert werden.“ [1]

Das kann schon sein. Auch, dass es ganz doll wichtig ist, die Lebenszyklustreibhausgasemissionen (Gott schütze die Europäische Union und alle ihre Emissionen Kommissionen!) der Kraftstoffe zu senken.

Ich glaube nicht, dass E10 dabei hilft. Das grundsätzliche Problem ist doch folgendes:

Das Auto besteht im Wesentlichen, abgesehen von modischem Schnickschnack und Sicherheitsvorrichtungen, die vor allem der Sicherheit der Insassen dienen, seit über 100 Jahren aus drei Komponenten, nämlich

ungefähr vier Rädern nebst Gehäuse, einem Getriebe, weil diese Art Motor nicht bei allen Drehzahlen das gleiche Drehmoment liefert, und dem Motor, der nicht ohne Grund Verbrennungsmotor heißt. Zu zwei Dritteln besteht nicht der Zweck, aber die Wirkung des Motors darin, das Auto und seine Umgebung zu heizen. Der Rest wird für die Fortbewegung genutzt. Dieselmotoren haben einen etwas höheren Wirkungsgrad; die Rechnung ist aber immer sehr optimistisch angestellt, nämlich mit Blick auf die Fortbewegung. Wenn man wieder anhält, wird die mühsam gewonnene kinetische Energie ebenfalls in Wärme umgewandelt.

Benzin, mit oder ohne Ethanol, ist ein Gemisch aus verschiedenen Kohlenwasserstoffen. Bei der Verbrennung entstehen immer Wasser und Kohlenstoffdioxid. Da Ethanol einen geringeren Brennwert als Benzin hat, muss bei gleichem Energieertrag mehr davon verbrannt werden; die CO2-Ersparnis wird sich in Grenzen halten.

Rein chemisch gesehen, ist Ethanol gleich Ethanol (für die Älteren unter uns: Äthanol). Der Unterschied zwischen Bio- oder Fossilethanol ist nur ein zeitlicher. Bei dem einen wird die solare Energie heute in Spiritus umgewandelt, beim anderen ist das schon einige Millionen Jahre her. Für den nasenspitzkurzen Zeitraum, in dem wir uns bewegen, betrachten wir die CO2-Bilanz als neutral, wenn das erzeugte CO2 kurz zuvor oder danach durch Bepflanzung gebunden wird.

Und ich glaube, bei der Bepflanzung liegt der Hase im Pfeffer. Es ist ja ganz schön, wenn ein mecklenburgisches Bäuerlein ein paar Morgen ungenutzten Landes hernimmt, um neben dem Tier- und Menschenfutter auch Autonahrung anzubauen. Der Markt folgt aber nicht den hehren Zielen, die ich den Schlauköpfen der EU durchaus zu unterstellen erst einmal bereit bin. Zu dem Bäuerlein gesellt sich im Nu ein Großbauer, der nicht zusätzlich, sondern an Stelle der klassischen Pflanzen solche anbaut, die sich energetisch verwursten, äh, das ist jetzt das falsche Wort, egal, jedenfalls lassen.

Und damit sind wir noch lange nicht im Regenwald, aber auf dem Weg dahin. Denn dass „unser“ Ethanol in Deutschland produziert wird, behauptet ja keiner. Gut möglich also, dass unsere Autos den Brasilianern den Mais vom Teller fressen. Und da denke ich dann daran, dass unsere Umwelt nicht nur aus Bäumen und Flüssen besteht, sondern zunächst und auch aus den Nebenmenschen. Ich stehe nicht vor der Wahl, ein Jahr lang Getreide zu essen oder zweimal vollzutanken, was landwirtschaftlich etwa dasselbe bedeutet; global gesehen ist es schon so. Wird unser Auto satt, hungern woanders Menschen.

Im Zweifel, sagt unsere global denkende, europäisch handelnde, deutsch tümelnde Kanzlerin, hat die Wirtschaft Vorfahrt.

Große Sorge herrscht, ob das merkwürdige, umstrittene E10 unsere schönen Autos kaputtmacht. Ich denke nicht. Der Schaden liegt anderswo.
Dienstag, den 08.03.2011

[1] Aus der RICHTLINIE 2009/30/EG DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 23. April 2009

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