Humankapital

Aus: Schüler in Uniform und andere Nestbeschmutzungen, 2008, weitgehend unveröffentlicht

Wächst auf demselben, mit VWL-Mist gedüngten Acker wie der Rohstoff Bildung.

Man kann einen Unternehmer zynisch nennen oder seine Profitsucht geißeln oder überhaupt gegen den Kapitalismus sein. Er wird immer so rechnen und er muss immer so rechnen: Wie viel Kapital schieße ich vor, wieviel bekomme ich dafür? In die Kosten fließen die Löhne ein, also ist der Arbeiter, genauer gesagt, sein Lohn, ein Kostenfaktor. In der Bilanz, die der Unternehmer dem Finanzamt vorlegt, steht nichts von Humankapital, aber wenn er strategisch denkt, wird er wissen: Die Ausbildung und Erfahrung sind schon etwas wert.

Nur: Vor dem Fabriktor ist Schluss damit! Da hat das Wort Wert andere Bedeutungen. Wer für Bildung plädiert und dabei von Investitionen spricht, die sich lohnen, oder eben vom Humankapital, begibt sich auf sehr dünnes Eis. Schlimm ist nämlich, dass man en passant einer Reihe von Menschen mitteilt, dass sie weniger oder nichts mehr wert sind. Wie weit ist es noch bis zu »unwertem Leben«? Wer jetzt empört zusammenzuckt, kann ja mal ein paar Altersheime besuchen.

Es gibt Menschen, die in ihrem Leben nichts mehr erwirtschaften können. Trotzdem sind sie mir viel wert. Ich könnte auch sagen, sie stehen mir nahe oder ich liebe sie, aber ich kann ja die Verbreitung des Wortes Wert in seinen vielen Bedeutungen nicht abschaffen.

Da haben wir sie wieder, die Inkommensurabilität: Wieviel wert ist denn eine alte Frau? Wieviel wert ist ein Down-Syndrom-Kind?

Alles oder nichts.

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