Freiheit! Freiheit! Teil III (und Schluss)

Freiheit! Freiheit! Teil III (und Schluss)

»Aber die nicht durchgeführte Einsicht fällt in den Mißverstand, als ob die Vernunft es sei, welche in Widerspruch mit sich gerate; sie erkennt nicht, daß der Widerspruch eben das Erheben der Vernunft über die Beschränkungen des Verstandes und das Auflösen derselben ist«
(G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik)

Meine Freiheit, die hat drei Haken. Zu den ersten beiden siehe die Beiträge vom 18. und 23.12.

Kommen wir zum dritten Haken. Der hat es erst recht in sich. Wir waren bei Hegel und nun denke ich an einen ganz anderen Philosophen, nämlich Kant.
Der hat nämlich in einem Roman (ach so, nein, nicht Immanuel – Hermann heeßt er) eine Figur auftreten lassen, welche vor oder während eines wichtigen Gespräches Liegestütze machte. Stöhnend und schlechtgelaunt, aber diszipliniert. Für die Gesundheit. Das war für mich dann ein schönes Beispiel für die Phrase: Einsicht in die Notwendigkeit. Es macht keinen Spaß, aber es ist notwendig.

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Und dieses notwendig wollten wir uns doch merken, gelle? Es ist nämlich auch noch anders zu verstehen. In der Mathematik, in der Logik wird das gern so benutzt: Wenn eine natürliche Zahl durch zehn teilbar ist, ist sie notwendig durch zwei und fünf teilbar.
Wenn mir das Meißner auf die Küchenfliesen kachelt, wird es notwendig zerschellen.

Und wenn so viele in einem pandemiegebeutelten Land (also irgendwo auf diesem Planeten) größere Familienfeste oder Gottesdienste absolvieren, dann führt dies notwendig zu einer Verschärfung der Pandemie.

Harald Lesch weist mitunter darauf hin, Mark Benecke sagt es praktisch in jedem Vortrag:
Wissenschaftliche Erkenntnisse sind nicht Fragen des persönlichen Geschmacks, der Moral, der politischen Ausrichtung oder der Religion. Sie gelten unabhängig und sind so wahr, wie die Beweismittel es zulassen und freilich auch genauso unvollkommen. Ja, die Wissenschaft irrt mitunter, und an die Stelle des Irrtums tritt eine neue Erkenntnis. Neues, vollständigeres Wissen ersetzt altes, unvollständiges Wissen; es ist kein Kampf Glaube gegen Aberglaube.
Man kann den kulturellen Reichtum Pluralismus nennen; der Begriff steht auch und gerade für die politische Vielfalt, so unbequem sie auch sein möge – in der Wissenschaft führt er in die Scharlatanerie.
Deshalb sind die Coronaleugner nicht Inhaber einer freien Meinung, sondern Ignoranten.

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»Ignoramus et ignorabimus« meinte 1872 Emil Heinrich du Bois-Reymond. Da war David Hilbert zehn Jahre alt. Dieser entgegnete später (1930):
»Wir müssen wissen, wir werden wissen!«
Das ist keine Meinung, sondern eine Haltung.
»Ich denke, was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still,
und wie es sich schicket.«
(Die Gedanken sind frei, Volkslied)
Der Stolz über die Gedankenfreiheit hinwiederum, sofern nicht sowieso das Freisein von Gedanken offenbart wird, offenbart eher eine Unterwerfung. Natürlich kann man denken, was man will. Und natürlich kann es keiner verbieten.
Wenn aber die Gedanken keine soziale Spielwiese haben, passiert nichts, das Wissen schafft. Doof bleibt doof. Und deshalb ist diese freiheitliche Hymne erzreaktionär; ich empfehle die Version (ich habe eben aus Versehen Vision geschrieben, auch nicht schlecht) von Konstantin Wecker:
https://www.youtube.com/watch?v=cvcTOxXz3gU

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What about feeling?

Nun ja, es verschafft ein gutes Gefühl, altruistisch zu handeln oder nonkonformistisch zu leben. Man muss sich bei der Wahl seiner Kleidung, seines Auto, seiner Frisur und bei der Gestaltung seines Vorgartens nicht nach dem richten, was alle tun. Es ist ein Gefühl der Freiheit. Vielleicht haben die jungen Leute, die des Öfteren im TV vorgeführt werden, auch so ein gutes Gefühl: Wir sind jetzt jung, wir wollen jetzt feiern, uns passiert schon nichts (und die Alten sind auch nicht unbedingt weiser).
Ich weiß es nicht, ich will auch keine moralische Messlatte anlegen; im Grunde kann ich es ihnen nicht verdenken. Man sollte dann nur nicht den Begriff der Freiheit benutzen, wenn das eigene Wohlbehagen andere gefährdet. Wenn junge Männer neuerdings mit Leggings laufen und sich einen Dutt binden – nur zu! Jede Generation kleidet sich so, dass es ihr zwanzig, dreißig Jahre später peinlich ist. Und dann stapfen sie mit Nordic-Walking-Stöcken durchs Gelände. Die tun nix, die wollen nur doof aussehen.

Aber das organisierte geistige Gebrechen hat weder mit Meinung zu tun noch mit Freiheit.

 

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»Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm:
Halt du sie dumm, – ich halt’ sie arm!«

(Reinhard Mey: Sei wachsam)

Um das notwendige Wirken der Naturgesetze zu verstehen, um die kausalen Zusammenhänge, an deren Anfang unsere Handlungen stehen, zu erkennen und die Folgen zu antizipieren, braucht es Bildung. Wer sich auf normierte Tests vorbereitet, ist nicht gebildet. Selber schuld! Ja, auch. Aber mangelnde Bildung ist ja kein Versehen. Mehr Bildung bringt nämlich auch mehr Verständnis dafür, wie der Laden läuft und dass er vielleicht anders laufen könnte. Wo kommen wir denn da hin?
Wir sind ein Volk ist ja ganz schön, verhindert aber nicht, dass der Wandlitzsee plötzlich einen Besitzer hat, was für mich schlicht Blasphemie ist, und schon gar nicht, dass das Häuschen, dass man sich dreißig Jahre vom Munde abgespart hat, ebenfalls jemandem gehört, der nichts dafür getan hat, als im BGB zu blättern und mit einem Anwalt zu telefonieren.
Ja, wo isse denn, die Freiheit? Vielleicht hätte man doch ein bisschen mehr Rosa Luxemburg lesen sollen, als die oft zitierte Parole auf den Plakaten der Bürgerrechtler?

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»Wir sind wieder bei Marx«, jubelte Rosa Luxemburg Sylvester 1918. Gut zwei Wochen später trieb sie im Landwehrkanal. Wäre sie mal bei den Sozialdemokraten geblieben.
Im von ihr vorgestellten Programm ihrer neugegründeten Partei hieß es:

»Es ist ein toller Wahn zu glauben, die Kapitalisten würden sich gutwillig dem sozialistischen Verdikt eines Parlaments, einer Nationalversammlung fügen, sie würden ruhig auf den Besitz, den Profit, das Vorrecht der Ausbeutung verzichten.«

Klar, sie hätte am Leben bleiben können, aber kaum als freier Geist. Sie wäre immer die Kassandra geblieben, die immer gewusst hätte, was kommt und immer wäre sie überstimmt worden von Leuten, die dachten, so schlimm wird’s schon nicht kommen. Und immer kam es so und immer noch ein bisschen schlimmer. Ihr Freiheitsbegriff bezog gewiss nicht die Freiheit des Eigentums ein, ganz im Gegenteil. Das Eigentum nicht anzurühren, zog notwendig alles andere nach sich. Sämtliche Skandale, die kleinen Vergiftungen unserer Gewässer und Wälder und die großen Kriege, sind Folge des Verzichts auf gesellschaftliches Eigentum und gesellschaftliche Organisation des Stoffwechsels mit der Natur, und zwar so, dass die kommenden Bewohner noch Nahrung finden.

Wir sind wieder bei Hegel. Es mag ein bisschen kleinmütig wirken, wenn man nun nicht gleich nach der Weltrevolution ruft. Gemach! Erst mal nehmen wir uns die Freiheit, über Freiheit nachzudenken.

„Im Übrigen …

… fängt Kritik nicht damit an, daß sie an sich die kri­tische Frage stellt, ob sie weitergeht, praktisch und konstruktiv ist. Sie beginnt damit, daß man sich Rechenschaft ablegt darüber, woher all das kommt, was man als Belästigung und Schaden wahr­nimmt. Wer auf das bißchen Ursachenforschung verzichtet, vertut sich womöglich im Engagement, sucht sich Ort, Zeit und Adressat wie Gegner seiner Bemühungen verkehrt aus. Dann vergeht seine Ju­gend, und er war in Gorleben zelten, hat seine Zeit im Frauenbuchladen verplempert und Grüne gewählt, während die Klassengesellschaft funktioniert, daß es kracht.“
(Zitiert nach argudiss.de)

Bleibt gesund! Der Blog macht Pause bis ins neue Jahr.

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