Keine Chance nach der Krise

Keine Chance nach der Krise

»So traurig das ist, aber im Prinzip müssten all diese Kinder nach der Pandemie noch mal ganz
von vorne anfangen.«

Bernd Siggelkow, SZ-Interview vom 18. Januar 2021

Aus aktuellem Anlass habe ich zwei Aufsätze, die vor langer Zeit schon aktuell waren, frisch eingestellt. Sie liegen wohlverwahrt unter Alte Sachen/Schüler in Uniform.

Und wieder schreibt jemand von Humankapital. Das schlägt doch dem Fass die Corona ins Gesicht.

»Der Schulausfall in der Pandemie könnte 3,3 Billionen Euro kosten«
schreibt das Handelsblatt. Genau gesagt, sind es drei Autoren (Gillmann, Anger, Specht, Ausgabe vom 22./23./24.01.2021), und das ist auch nötig, denn es ist mindestens Dreifachkäse.

»Vor allem die Schulschließungen führen zu ›enormen wirtschaftlichen Schäden, sowohl für die einzelnen Schüler als auch für die gesamte Volkswirtschaft‹, warnt der Bildungsökonom des Ifo-Instituts, Ludger Wößmann. Denn nichts ist in der Bildungsökonomie so gut dokumentiert wie der Zusammenhang von Bildung und Einkommen«.

***

»Nicht alles, was sich reimt, ist ein Gedicht.
Nicht alles, was zwei Backen hat, ist ein Gesicht.«

(vermutlich Heinz Erhardt)

Wie muss ich mir den Zusammenhang von Bildung und Einkommen vorstellen? Ich denke, retrospektiv. Also eine Ökonomin hatte sagen wir 10.000 Stunden Unterricht bis zum Abitur und verdient nun 50.000 Euro per annum. Also bringt eine Stunde fünf Euro. Da wird doch die Milch sauer!
Aber wenn das stimmt, stimmt auch der Rest. Zweihundert Stunden Ausfall sind schnell beisammen, ergo fehlt später ein Scheinchen.
Nachdem (!) ich das schrieb, schaute ich noch mal nach und siehe, die rechnen wirklich so (der sogenannte Bildungsforscher Ludger Wößmann jedenfalls).
Einfacher Dreisatz und dreifache Einfalt!

»Auch für die Volkswirtschaft insgesamt müsse Deutschland mit langfristigen Wachstumsverlusten rechnen, mit einer durchschnittlich 1,5 Prozent niedrigeren Wirtschaftskraft bis zum Ende des Jahrhunderts (sic!). Das entspräche etwa 2,5 Billionen Euro.«
(ifo.de)
Wer das schreibt, lebt Ende des Jahrhundert nicht mehr. Ende des Jahrhunderts haben das Volk und seine Wirtschaft andere Sorgen und sicher keinen Euro. Ich kann es natürlich nicht beweisen, so wie die Schlaumeier vom ifo-Institut auch nur irgendwas beweisen können.
Ich bin ja für freie Forschung, aber wenn derlei Unsinn so forsch in die Welt gesetzt wird, sollte man vielleicht nicht gleich eine Zensur einführen, aber die Redaktionen könnten ja mal redigieren. Schaut doch mal ca. 80 Jahre zurück! Wie genau konnte man damals die heutige Prosperität vorhersagen? Die Antwort findet jeder allein, sofern er nur die Frage stellt.

Ich hatte jüngst geschrieben, dass die Krise die Eigentümlichkeiten der Gesellschaft deutlich macht wie ein Brennglas. Ich schäme mich wegen der mangelnden Originalität, das mit dem Brennglas ist anderen auch eingefallen. Es ist auch nicht originell zu erkennen, dass die Kinder der abgehängten Schichten deutlicher benachteiligt werden als die Brut der Eliten, man müsste nur hinsehen. Und es liegt nicht so sehr an den paar Stunden Unterrichtsausfall, sondern an der ausgesetzten sozialen und – nennt mich romantisch – Herzensbildung.
Man müsste nur hinsehen, aber es ist eindrucksvoller, und gleichzeitig bequemer, mit großen Zahlen zu jonglieren und vorsorglich darauf hinzuweisen, dass die Armut nicht nur, wie schon Fritz Reuter sagte, von der Powerteh kommt, sondern auch von der Corona. Da kann man nix machen.

Ja, das ist auch nicht originell.

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