Heule und herrsche!

Heule und herrsche!

»Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.«

(J.W. Goethe, Faust I)

Mein Auto- und Küchensender startet eine Social-Video(?)-Reihe

Man kann video mit ich sehe übersetzen, aber auch mit ich verstehe, ich begreife und mein Verständnis hält sich in Grenzen. Nach der Kinderei des WDR (alte weiße Männer inklusive Janine Kunze diskutieren über Zigeunersauce, Betroffene waren nicht geladen) setzt mein Radio, welches ausgerechnet den Slogan »nur für Erwachsene« in den Äther bläst, den Nichtdiskurs fort, wenn auch mit anderen Mitteln. Genauer gesagt, mit anderen Akteuren – nicht alt, nicht weiß, die Hälfte nicht männlich. Der Unterschied ist geringer als man denkt.

»nenn mich nicht …«
(siehe auch https://www.radioeins.de/themen/_/nenn-mich-nicht.html)

Nadja Benaissa möchte nicht, dass man sie Mulatte nennt. Vielleicht Mulattin? Nein, natürlich nicht. Mulatte ist etymologisch verwandt, meint sie, mit Maultier (lat: mulus), das ist zu bezweifeln.

»also das Wort Mulatte ist auf jeden Fall ein ziemlich alter, rassistischer Begriff …«

Nein. Auf jeden Fall gibt es eine Reihe von Fremd- und Eigenbezeichnungen für Nachfahren ethnisch verschiedener Volksgruppen, die sich ohne weiteres mit »Mischling« übersetzen lassen (vgl. Kreole, Mestize), Mulatte gehört vermutlich dazu. Die Frage, wer sich oder andere damit aus- oder nur abgrenzen wollte, bleibt offen.

»er [der Begriff, gemeint ist: das Wort] wird manchmal einfach so, na ja, in so’ nem lockeren Umfeld, in so’ ner lockeren Atmosphäre einfach mal fallengelassen, spaßmäßig, und manche wissen auch einfach wirklich nicht, was hinter diesem Begriff [sie meint wiederum: Wort] eigentlich steckt.«
»… mich verletzt dieses Wort [jetzt wäre Begriff angebracht, auch wenn sie trotzdem schiefliegt], weil es ganz klar [?] ausdrückt, dass ein Mensch, der eine dunkle Hautfarbe noch in sich drin hat, weniger wert ist als der weiße Mensch.
Nenn mich lieber afrodeutsch.«

Uffa!
(ital. für: uff!)

Es sind erst mal nur Worte. N-Wort, M-Wort, Z-Wort. Es ist oberkindisch, dieses what-must-not-be-named, und in einem Kinderbuch wäre das auch erlaubt. Andererseits sind es die kindlichen (nicht kindischen) Leser, die wissen, dass man Lord Voldemort sagen darf, ohne dass gleich der Blitz einschlägt. Es sind nicht die Worte, will uns wohl die Dichterin Rowling sagen, die uns umbringen oder auch nur verletzen, obwohl uns die »Social-Video-Reihe von radioeins und rbb Kultur [… ] gerade dafür sensibilisieren [will]«.
»Es geht um Worte, die verletzen und respektvolle Alternativen.«
Hier fehlt ein »um«, aber das nur nebenbei.

Das, was hinter dem Wort steckt – der Begriff, das Konzept, die Haltung – wird gut gelaunt unterstellt. Die Haltung – wir reden, liebe Freunde des Telekollegs, von Rassismus – gibt es durchaus, und darüber wäre auch kein Streit. Aber was wäre denn die Frage, über die man streiten sollte? Den Rassisten genügt one drop of black blood – und dann finden sie auch das rechte Wort. Und sie werden afrodeutsch so benutzen, dass es wie eine Beleidigung klingt.

***

Also will man jetzt die – meistens völlig unwichtige – Farbnuance ignorieren? Oder will man doch darauf hinweisen (und gewiesen werden), dass man irgendwie anders ist? Besteht man evtl. darauf, dass man nicht black ist, sondern irgendwie anders coloured? Ist man mit dem Unterschied, der doch so unwichtig sein soll, nicht zufrieden und unterscheidet noch feiner? Das Unterscheiden (discriminare) ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung für Rassismus; die Verachtung hingegen, um die es ja geht, findet immer etwas.

Scherze der Art, wie sie die Coloured People sich gegenseitig klauen (Woher kommst du? Aus Dortmund. Nein, ich meine ursprünglich? Ach so, aus Köln) würde man in New York oder Havanna überhaupt nicht verstehen. Dass ein blitzblankreinweißer Piepel z. B. in einer Neuköllner Grundschule, der sich in einer erdrückten Minderheit befindet, ausgegrenzt wird, ist dann mit eingekauft.

***

Ich hätte die Serie »Call Me Ishmael« genannt. Das hätte Esprit, einen Bezug zur Vergangenheit, zur Kultur, einen Schuss Ironie. Also alles, was der verkrampften Haltung der Bewohner des Türmchens, der neben Ivories nun Gott sei Dank auch Ebonies beherbergt, die man trefflich zu Komplizen machen kann, fehlt.
Nenn mich Ismael. Nenn mich Kevin, nenn mich Johanna, nenn mich Yasmin, Abdul …
In welcher Weise ich nicht genannt werden will, steckt in dieser Bitte schon drin. Damit umgeht man auch die Gefahr des Framings. Was ist denn besser: Sag Katrin zu mir oder nenn mich nicht Pummelchen? Ich heiße Jörg oder Ich bin keine fette Sau? Wieviele kommen wirklich auf die Idee, Frau Benaissa Mulatte zu nennen?
»Nenn mich lieber afrodeutsch.«
Von mir aus. Aber warum nicht Frau Benaissa oder Nadja?

Nadja Benaissa hat sich nebenbei bemerkt, recht unappetitlicher Straftaten schuldig gemacht. Es gäbe also in der Stilebene, die ich nicht benutze, passendere Schimpfwörter. Nicht, dass sie keine Meinung mehr haben dürfen sollte, aber sie weiß, dass es bei Verletzungen graduelle Unterschiede gibt.

***

»Dass [die Leute] Trumps Vulgaritäten akzeptierten oder sogar bejahten, liegt aber wohl auch daran, dass sie darin einen Protest erblickten – nämlich dagegen, von den immer privilegierten Eliten ständig auch noch moralisch abqualifiziert zu werden.«
(Robert Pfaller: Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur)

Quentin Tarantino hat das sauber herausgearbeitet: Die Rassenfrage als Klassenfrage; bist du oben oder bist du unten?
Der (schwarze) Marsellus Wallace: »Bist du mein Nigger?«
»Sieht jedenfalls ganz so aus … « antwortet (der weiße) Butch Coolidge.
(Pulp Fiction)

***

Mein Radio – nur für Erwachsene – erlaubt sich kindische Alberheiten wie Bonnies Ranch oder das weitgehend inhaltslose Gesülze Geplauder der Blauen Stunde. Das geht in Ordnung. Wer aber wichtige Themen abhandeln will, sollte eine reife Leistung abliefern. Prominente deutsche Journalisten, Musiker, Sportler gehören nicht zu der Bevölkerungsschicht, welche die grausamsten Beschädigungen und Beschämungen zu erleiden hat, auch wenn sie mit einem halben Bein noch in Afrika oder Asien stehen. Rassismus ist keine Frage der Höflichkeit; wer ihn bekämpfen will, muss die sozialökonomischen Strukturen erkennen, kritisieren, verändern. »nenn mich nicht …» wirkt mit genau der Herablassung, die man sich doch verbitten möchte.

Trotzdem: Höflichkeit ist ein guter Anfang. Nenn mich nicht …! (Lieblingsschimpfwort einsetzen).

 

Ergänzung am 12. 03.2021
Nenn mich nicht – Boomer!

Eure Herablassung könnt ihr euch in den Babypo stecken, aber denkt daran, dass die materielle Grundlage, auf der ihr euch die Hochnäsigkeit erst leisten könnt, von den Boomern geschaffen wurde. Siehe auch https://neuleerer.blog/2020/09/07/neuland-unterm-pflug/
»Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren … «
(3.Mose 19,32)

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