Mimusisenf in der Sprache

Mimusisenf in der Sprache

»Auch ist es wichtig, dass die LuL im Auge behalten, dass es SuS ohne Drucker, Laptops oder Internetanschluss gibt!«
(Felix, vom Schulsprecher*innen-Team)
»Die KL hat im Klassenbuch ein Q zu vermerken und die Fachlehrer zu informieren. […] Die SuS werden über die Schulcloud von jedem LuL mit Aufgaben versorgt.«
(Katja, Schulleitung)

Ja, ich weiß. Es ist alles gesagt, und zwar von beiden Seiten. Gelangweilt, mit Verve, mit akademischer Strenge oder leichtfüßig.
Wer richtig gendern will, findet Rat. Der kostet manchmal was, ich finde alles billig.

Frau Lucia Clara Rocktäschel bietet ihre Dienste an. Und nun beherrscht euch – no jokes with names!
(https://www.lucia-clara-rocktaeschel.de/)

Und was hat sie in ihrem Täschel? (Ach, sorry!)
Sie kann »hochqualitative, an deiner Zielgruppe und SEO-Kriterien orientierte Texte schreiben und weiß über Diversity Marketing Bescheid.«
So so. Gab es das auch in deiner Größe?

Erfahrung:

  • 7 Monate Praktikum als Bloggerin, PR-Mensch, Newsletter-Texterin und Social-Media-Managerin bei TrendRaider
  • 3 Monate Praktikum als Online-Redakteurin im Kulturressort bei Berlin.de
  • 2 Jahre nebenberuflich als freie Texterin
  • 1,5 Jahre als Onpage-Texterin bei Performics

»Und so war meine Idee bald geboren: Ich werde die Diversity-Texterin.«
Gute Reise!
»Du möchtest, dass ich auch für dich Webtexte schreibe, die verkaufen?«
Nein, bitte nicht!

***

Ist es nicht garstig, sich über einen jungen Menschen lustig zu machen? Vegan, lesbisch, ohne echte Perspektive – die hat’s doch so schon schwer.
Nein, hat sie nicht. Und den Menschen, denen sie so sensibel begegnet, hilft sie nicht, sondern hätschelt sie mit unsinniger Formulierungsakrobatik. Sie entschuldigt sich allen Ernstes, »problematische Formulierungen« benutzt zu haben, zum Beispiel

»sich männlich/weiblich/nichtbinär fühlen: Ein Geschlecht ist nicht nur ein Gefühl.«

Teufel noch eins, das stimmt natürlich. Ein Geschlecht ist ein Geschlecht ist ein Geschlecht oder auch ein anderes Geschlecht.
Und meistens spielt das überhaupt keine Rolle.

***

Ja, ich weiß. Es gibt unzählige Aufsätze, in denen generisches und grammatisches und natürliches Geschlecht und so weiter und dass die Sprache verschandelt wird, wenn nicht gar vergewaltigt … aber ich will auch noch meinen Senf dazugeben und natürlich habt ihr gemerkt, dass Mimusisenf ein Anagramm ist.

Ich habe nur zwei Punkte abzuhandeln.

Punkt Zwei:
Regeln muss man einhalten. Ich meine Regeln, die wirklich verpflichtenden Charakter haben; nennen wir sie Gesetze, Verordnungen, Vorschriften.
Außerhalb, und das gilt z.B. auch für die deutsche Rechtschreibung, kann doch jeder machen, was er will.
Dann macht es doch bitte auch! Liebe Lehrer, Journalisten, Abgeordnete: Wenn ihr was zu sagen habt, dann sagt es. In aller Regel ist es egal, ob ihr männlich, weiblich oder divers seid. Ihr habt hoffentlich relevante Texte zu einem wichtigen Thema; konzentriert euch darauf! Jeder von euch wird als Individuum erkannt, als Herr Hallmackenreuther oder Frau Müller-Lüdenscheid, und ihr werdet von höflichen Menschen als Herr oder Frau angesprochen.
Nur unhöfliche Menschen fragen nach einem Beitrag über Lehrer, ob es denn keine Lehrerinnen gibt. Man kann sie gepflegt fragen, ob sie noch alle Korrekturstifte im Mäppchen haben.

***

Punkt Eins.
Ich habe mich gefreut. Dann fühlte ich mich hereingelegt.
Es gibt eine Website (https://geschicktgendern.de/), welche ein Lexikon enthält und das sehe ich mir an. Prima, denke ich, erinnern wir uns mit ihrer Hilfe daran, was wir schon mal wussten:

Forscher: Das sind Menschen, die in der Forschung tätig sind. Stimmt, hatten wir vergessen.
Hundehalter: Person, die einen Hund hält. Klar.
Makler: Häuser vertreibende Personen. Wusste ich’s doch.

Leider ist es so nicht gemeint. Man soll ja das erste Wort durch die dann folgende Wortgruppe ersetzen. Also zum Beispiel Mädchen für allesMensch für alles. Von mir aus. Leider geht dann die Ironie verloren, die durch die männliche – und durchaus übliche – Benutzung entstand. Die Aufgabe lautet, genderneutrale oder
-gerechte (was nicht dasselbe ist) Texte zu erleichtern.

Das geht aber nicht. Es kann nicht gehen.
Es mag bei sich entwickelnden Fachsprachen funktionieren: Man entwickelt einen Begriffsapparat und setzt ihn in der Fachgemeinde durch. Wenn jeder weiß, was ein Transistor ist, kann man das Wort benutzen.
Was ein host ist, weiß man, wenn man englisch versteht. Wenn IP-Leute das Wort benutzen, versteht man es nicht. Was IP bedeutet, weiß man evtl. auch nicht und das macht ja auch nichts – es ist ein Fachwort für Fachleute.
Das Genderlexikon ist aber ziemlich breit angelegt; es umfasst bislang gut 1500 Einträge und wird anscheinend weiter gepflegt.

Beispiele

Betrüger: unehrliche Person
Sexist: sexistische Person
Leser: lesende Person

Das ist soweit korrekt, halt nur etwas umständlich. Und wie gesagt, ich hätte es gern andersherum: Also so, wie es die letzten fünftausend Jahre verstanden wurde. Was für sich kein Grund wäre – warum nicht mal was Neues?
Personen, die einen Laden betreten, nenne ich Kunden. Eventuell bekommen sie Kundenausweise, vielleicht sogar periodisch eine Kundenzeitschrift.
Die Leute (Studenten), die mit mir gemeinsam studiert haben, nannte ich Kommilitonen. Und so weiter. Ich hatte bzw. habe Mitschüler, Kollegen, Nachbarn, Kameraden, Genossen. Mit einer Ausnahme (Militärdienst) waren es Menschen unterschiedlichen Geschlechts und das war auch allen klar. Und die Kundinnen, Studentinnen, Schülerinnen, Kolleginnen sind nicht mitgemeint (das wohl unsäglichste Wort der Debatte), sie sind überhaupt nicht gemeint. Die erwähnten Kollektive, Teams, Kollegien sind quasi amorphe Massen, deren Zusammensetzung völlig egal ist, es sein denn, sie ist Thema: »Papa, stell dir vor – in meiner Klasse sind nur drei Mädchen!«

Weitere Beispiele

Bauernkrieg: Krieg der landbewirtschaftenden Bevölkerung
(das meinen die nicht ernst, oder?)
Man könnte denken, die landbewirtschaftenden Personen bekriegten einander. Weit gefehlt!
Und übrigens, weil ich in dem Zusammenhang so oft auf das Wort Bevölkerung stoße: Das Wort gab es 1524 noch gar nicht. Es bezeichnet ursprünglich einen Vorgang (bevölkern) und ersetzt das in Verruf geratene Volk. Aber das nur nebenbei.
Verkäufer: Kaufhauspersonal; Personal
Äh?
Verfasser: verfasst von
Von der von-Sorte gibt es eine ganze Menge.
Herausgeber: herausgegeben von
Schirmherr: unterstützt von
Das, liebe Kinder, sind unterschiedliche Wortarten.
Übersetze: Schatz, räumst du noch den Keller auf? Morgen kommt der Gutachter.
Heißt jetzt: Morgen kommt begutachtet von.

Nachbarschaft: Umgebung
Ist nicht dasselbe. Ich denke an die Menschen, Umgebung, das »ist auch das Gras auf der Wiese, das Korn auf dem Feld, und die Vögel in der Luft und die Tiere der Erde …«
Und an der Stelle noch einmal: Welcher noch so depperte Depp läse denn aus Nachbarschaft, es gäbe dort keine Frauen?

Lächerliche Beispiele

Amateur: Neuling; Person ohne Vorkenntnisse
Das ist Quatsch, ein Amateur ist ein Liebhaber. Geschickt gegendert wird Liebhaber übrigens mit Begeisterte. Naja.
Passantenbefragung: Straßenbefragung
Werden die Straßen befragt?
Partnersuche: Lebensmenschsuche
Grundgütiger! Haltet die Eigentum entwendende Person!
Schneemann: Schneefigur
Warum steht Weihnachtsmann nicht drin?

Ein Beipiel gefällt mir:
Mutter-Kind-Parkplatz: Familienparkplatz
Gibt es aber schon.

Und noch einmal Punkt Zwei:

Nein, bitte, lasst es!
Engagiert euch, wo es nottut. Carolin Kebekus hat ein paar Beispiele, was man für Frauen tun kann:
In der medizinischen und pharmazeutischen Forschung kommen Frauen anscheinend gar nicht vor. Außerdem gibt es zuwenig Frauenklos und das ist gar nicht lustig.
Es gibt Zwangsehen, Genitalverstümmelungen, Nachteile in der Bildung und Berufsausübung. Darüber hinaus gibt es spezifische Formen der Benachteiligung von Männern, Jungen; von Kindern, Alten, Kranken, Behinderten. Da ist eine Menge zu tun.

Dass es Lehrstühle und bezahlte Stellen im Öffentlichen Dienst gibt, deren Inhaber sich ausschließlich damit befassen, die Sprache zu verschandeln, dabei weder Erfolg haben noch Erfolg haben können – als ob wir in Deutschland keine anderen Sorgen hätten! Und wiederum haben wir es mit Ersatzhandlungen zu tun: Ständige Tests und Studien, statt den Unterricht und die Bedingungen für guten Unterricht zu verbessern; eine Rechtschreibreform, die das Rechtschreiben erleichtern sollte, was ja nun voll ins Unterbeinkleid ging; gläserne Rathäuser, aus denen die Beamten immer noch auf uns Untertanen herabschauen …
… und nun die geradezu orwellsche Idee, die rechten Wörter könnten die rechte Haltung (welche eigentlich?) hervorzaubern.

Es geht nicht um ein bisschen Kosmetik. Man müsste quasi eine neue Sprache lernen. Mit allen Widersprüchen und logischen Fallen, welche jede lebende Sprache auszeichnet. Und man kann mit der Schere im Kopf nicht mehr die alte genießen. So wie man jetzt in der Coronakrise bei alten TV-Aufzeichnungen zusammenzuckt, wenn sich einander fremde Menschen umarmen, so wird man bei ungegendertem Goethe stocken:

»Handwerker Handwerkliche Fachkräfte trugen ihn. Kein Geistlicher Keine geistliche Person hat ihn begleitet.«
Wollt ihr das wirklich?

Warum liest sich die Prosa Heines so wunderbar modern? Weil die Sprache Zeit hatte. Sie hatte weiter Bestand; was für Heine gut war, konnte Fontane nutzen; Kästner hatte Lessing als Vorbild – hat’s ihm geschadet?
Ja, es gibt neue Vokabeln, und Marotten, wie die schon von Mark Twain verspottete Eigentümlichkeit des Deutschen, ein Verb erst nach einigen Kilometern, wenn man schon gar nicht mehr weiß, wie der Satz einmal angefangen hat und man dann wieder von vorn anfangen muss zu lesen, um es dann zu wissen, auftauchen zu lassen, wurden, und damit können gewiss auch Puristen sich abfinden, abgelegt.
Aus Perron wurde Bahnsteig. Das geht, aber es dauert. Aus Billet wurde Fahrschein, jetzt sagt man Ticket und das geht auch. Es gefällt nicht jedem, aber nochmal: Es muss nicht jeder mitmachen. Dass Coupé jetzt Abteil heißt, wurde 1904 amtlich, Erich Kästner ließ seinen Emil 25 Jahre später trotzdem ins Coupé steigen. Vier Jahre später wurden Kästners Bücher auf dem Berliner Opernplatz ins Feuer geworfen, aber aus anderen Gründen.

»Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.«

(Heinrich Heine, Almansor)

Aber das ist doch etwas ganz anderes!

Wirklich?
Die herz-, hirn- und humorlose Säuberung von Texten der ausgewiesenen Humanisten Twain und Lindgren ist der Anfang einer Barbarei, deren Ende man nicht kennt. Ach so, Michael Ende hat es auch erwischt.

Es ist derselbe Eifer, der auch Lebens-, Tier- und Umweltschützer treibt, wenn sie vergessen, dass man, wenn man schon kein Mandat hat, sich Verbündete suchen muss und ein Ziel. Dann, erst dann, sucht man sich die Mittel. Wenn die Mittel nicht nur den Zweck verfehlen, sondern einen anderen Effekt hervorbringen, hält man bitte inne und fängt von vorn an.

Die linguistische Idiotie zwingt haltungsschwache Menschen dazu, ständig aufzupassen, damit sie bloß nichts Falsches sagen. Es wird ihnen nicht gelingen, es ist fast so schwer, wie das Zehnte Gebot zu achten.

»Überdies bedeutet lul auf Niederländisch Trottel oder Pimmel. Und bei Sus denkt der Lateiner oder Biologe sofort an die Gattung Schwein.«
(Professor Hans-Jürgen Bandelt: Schluß mit LuL & SuS, condorcet.ch)

Auch das noch.

 

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