Autobiographie III

Autobiographie III

»Es ist möglich, den Motor bei Ausfall des Starters oder der Bordelektrik mit einer Kurbel zu starten.«
(https://de.wikipedia.org/wiki/GAZ-24_Wolga)

Gottfried Keller schrieb die Novelle: »Kleider machen Leute«. Er kannte das Auto noch nicht, denn Autos machen erst recht Leute.
Ein Wolga ist kein Auto, sondern ein Wagen. Damit fährt man nicht, sondern wird gefahren. Die meisten GAZ-24, wie vorher die meisten M21, kannte man aus dem Straßenbild als Taxis. Höhere Angestellte und Offiziere wurden mit dem Wolga gefahren. Privat war er nicht zu bekommen, jedenfalls nicht als Neuwagen.

Uns ging es freilich um einen Gebrauchten, der war schon teuer genug. Vater nutzte nun – 1981 – meines Wissens das einzige Mal seine connections. Er kannte den Generaldirektor des VEB Maschinenbauhandels, dort wurden unter anderem ausrangierte Fahrzeuge der bewaffneten Organe verkauft und so kamen wir zum Fahrzeug Nummer zwei.

Es war wieder ein Wolga und der kostete schon einiges mehr. Elftausend und noch ein paar Märker. Man kann sie heute und man konnte sie damals verspotten, diese nichtdeutsche Mark, aber haben musste man sie doch, wenn man kaufen wollte.
Ich glaube, es war ein Freund namens Heinz Rosenberg, der aushalf. Der hatte ein Geschäft für Konfektion und hieß bei uns folgerichtig Hosenberg. Statt Zinsen verlangte er die Rechte auf einen Wartburg, den die Eltern eine Zeit lang vorher angemeldet hatten, in der vagen Hoffnung, ihn dann auch bezahlen zu können bzw. in der Gewissheit, dass die Anmeldung eines Tages Gold wert sei. Ich glaube, es waren dann seine Erben, welche die Anmeldung einforderten. Kurz danach waren sowohl Wartburg als auch die DDR-Mark praktisch nichts mehr wert. So kann’s gehen.

***

Wieder ein Wolga, aber schon ein »Neuer«, ein GAZ 2402, ein Kombi. Zwei Meter Ladefläche oder sieben Fahrgäste. Vor allem die Ladefläche wurde häufig gebraucht.
So waren wir des öfteren bei der Besoffenen Frau. Der Laden hieß ein wenig anders; er befand sich auf einem Hinterhof im Friedrichshain, ich meine Colbestraße, und sah aus wie eine vollgerümpelte Wohnung. Das Gerümpel stand zum Verkauf.

Die Inhaberin stand ständig im Tee. Mein Bruder hat sie einmal mit einem kleinen Flachmann bestochen, sie freute sich sehr. Ich weiß, bald vierzig Jahre später, nicht mehr recht, worum es ging. Ich glaube, sie sollte etwas reservieren. Sie hat es jedenfalls sofort vergessen. Jedesmal, wenn wir unseren Namen sagen mussten, kicherte sie: »Hi hi, so hieß mal einer meiner Einkäufer.«
»Nein!«, sagte ich jedesmal, »wirklich?«

Ihr Inventar war für uns unter einer Bedingung brauchbar: Es musste aus Holz sein. Aus gutem, altem, trockenem Holz.
Was wir an Büchern kauften, und zwar wir alle, ging auf keine Kuhhaut und passte nicht lange in die vorhandenen Regale. Regale bauen ist nicht schwer, und wenn einem zwei, drei Mal ein Regal zusammengekracht ist, weiß man, worauf es ankommt.

Man konnte in der DDR Holz kaufen, theoretisch. Praktisch gab es keins. Wenn, dann zu wenig, und ganz gewiss nie in der gewünschten Konfektionsgröße, zum Beispiel 2cm x 20cm x 80cm. Man musste kaufen, was es gab und seinen Plan ändern.
Was wir dann kauften, war oft klatschnass; wir mussten es lagern und trocknen lassen. Das hätte im Holzhandel geschehen müssen, aber – dieses aber würde jetzt zu einem mehrstöckigen Ausflug in die Volkswirtschaft der DDR führen. Vielleicht ein andermal.

***

Wir sind ja noch bei der Besoffenen Frau. Vater hat dort zwei Stühle geklaut. Vater war akkurat, gesetzes- und staatstreu. Aber für das eine oder andere Abenteuer war er zu haben.
Wir waren mit dem Einkauf fertig und die Besoffene Frau zeigte auf die einzelnen Stücke und murmelte die Preise (die wir auf diese Weise erfuhren), übersah aber die Stühle.
»So, dit macht denn saren wa zwanzich Maak.«
Ich bezahlte. Vater, hinter meinem Rücken, peeste mit seinem Holzbein und den Stühlen nach draußen.

Die Besoffene Frau ist nicht zu kurz gekommen. Wir erzeugten einen Nachfragedruck, zum Beispiel nach den Seitenbrettern von zerlegten Betten. Gutes Holz, wie gesagt. Oft aus sogenannten Tischlerplatten, das sind verleimte Leisten, beidseitig furniert. Stück zwei Mark. Lachhaft. Wir kauften wie die Teufel, schmissen alles in den Wolga und beim nächsten Mal kosteten die Bretter drei Mark. Immer noch lachhaft.
Wir kauften wie die Teufel, schmissen alles in den Wolga und beim nächsten Mal kosteten die Bretter –
Falsch. Fünf Mark.

Gott sei Dank kam ja dann die Wende. Wenn ich jetzt Regale baue, dann brauche ich Bretter, 2cm x 20cm x 80cm. Die kann ich jederzeit kaufen und dafür sind wir doch auf die Straße gegangen. Oder nicht?

***

Vater war nicht nur Chauffeur oder Spediteur. Er hatte ja sein Tun. Ehrenamtlich, aber Vollzeit. Im Februar 1986 starb er. Ich spielte eine Menge Streiche mit dem Wolga, noch zu seinen Lebzeiten, danach erst recht.
Davon bald mehr.

***

Fortsetzung folgt.

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