Die Häuser denen, …

Die Häuser denen, …

Die Miete ist sehr teuer
Kost‘ siebenhundert Eier!
Wer kriegt die Miete bloß?
Der Boss!

(Dieter Süverkrüp, der Baggerführer Willibald)

„Zur Begründung hieß es vom Gericht, bei der Abwägung des Falls hätten die Interessen des Eigentümers laut Gesetz Vorrang.”
(ZEIT.de, 8.10.20)

Dann wollen wir sehen, wie das Gesetz wirkt.
Und nun singe ich mal ein Lied für Maria.

In der Schule war Maria
nicht so gern, doch halbwegs fleißig.
Wurde Kinderkrankenschwester,
eignes Kind mit Anfang Dreißig.

Die WG-Zeit ging zu Ende
denn das zweite Kind kam schneller
als erwartet. Und Maria
wollte nun ein Haus mit Keller.

Eigentum kam nicht in Frage,
(die beiden Väter waren Nieten)
doch Reihenhäuser vor der Stadt
waren günstig anzumieten.

Weiter in Prosa.
Joseph ist Lehrer. Verbeamtet, Studienrat. Ledig, also mehr Geld als grad nötig. Und weil er auch an einen der dümmsten Sprüche der Epoche (Geld muss arbeiten) glaubt, lässt er sein Geld Häuser bauen.

Genau genommen, braucht er gar kein Geld. Als Sicherheit hat er ja sein Gehalt und das entstehende Haus. Und sein Berater schlägt ihm ein Modell vor, dass tatsächlich funktioniert:
Die Bank finanziert das Haus. Die Raten werden so berechnet, dass das Haus
a) in zwanzig Jahren bezahlt ist
b) sie von den Mieteinnahmen gedeckt sind.

Und Maria zahlt die Miete.
Manchmal fällt es ziemlich schwer.
Beide Väter sind verschollen,
zahlen lange schon nicht mehr.

Und nach zwanzig schweren Jahren
zieh’n die Kinder in die Welt.
Und die Miete steigt mal wieder
dafür hat sie nicht das Geld.

Für die Wohngemeinschaft ist Maria
doch ein weniges zu alt.
Also mietet sie zwei Zimmer
für sechshundert Euro kalt.

Weiter in Prosa.
Joseph hat seinen Kredit abbezahlt, ihm gehört das Haus ohne Wenn und Aber. Er verkauft es, und weil er ein wenig übermütig wird, lässt er sich das Geld nach und nach in bar auszahlen. Das Haus hat ihn mit Zinsen und Gebühren DM 250.000 gekostet, jetzt liegen 200.000 auf dem Küchentisch. Allerdings Euro.

Fazit: Ein Mensch zahlt zwanzig Jahre lang einen beachtlichen Teil seines Einkommens, ein anderer erwirbt auf diese Weise, ohne – abgesehen von ein paar Unterschriften – den Finger zu krümmen, Eigentum.

Jetzt gibt es zwei Einwände:
Erstens: Maria hat ja nicht das Haus bezahlt, sondern den Nießbrauch.
Zweitens: Wenn es die Investoren nicht gäbe, würden kaum Häuser gebaut.

Erstens: Das stimmt, vor allem insofern Maria durch die Miete nicht immobil, also unbeweglich, wurde. Sie hätte jederzeit nach Chemnitz oder Clausthal ziehen können. Es stimmt nicht, weil ihr Geld ja exakt dazu diente, das Haus zu bezahlen.
Zweitens: Es stimmt, wenn es stimmt, dass Kapital produktiv ist.
Nein, Geld kann nicht arbeiten. Um ein Haus zu bauen, braucht man Steine, Mörtel, Ziegel und geschickte Hände.
Das gilt übrigens auch für Krankenpflege oder die Rente. Wenn der letzte See verbrannt ist und der letzte Baum gegessen und wenn der letzte Fisch gerodet ist, werden ihr merken, dass man Riester nicht essen kann.
Wenn ich alt bin, nutzt mir kein Geld, wenn niemand da ist, der mir Brötchen bäckt und mir die Nase putzt, wenn ich es nicht mehr kann.

Aber das nur nebenbei. Na ja, nicht ganz. Denn es ist ja nun einmal so, dass in jedem, aber auch wirklich jedem Bereich das Eigentum die Regeln macht.

„Sechs Stunden hielt der Widerstand. Dann war die Räumung vollzogen.”
(WELT.de, 9.10.20)

Ich glaube nicht mal, dass dem Gericht und später der Polizei als vollstreckender Gewalt soviel an Herrn Padovicz und seiner Familie gelegen war. Nein, die drei Gewalten (zuvor war ja die Legislative wirksam) schützen das Eigentum abstrakt, unabhängig davon, wie sympathisch der Eigentümer ist.
Und die vierte Gewalt hilft noch ein bisschen mit. Nicht, dass es nötig wäre, aber sie zeigt noch mal, dass die Schmutzfinken der Liebigstraße es gar nicht anders verdient hätten (siehe zum Beispiel https://taz.de/Bilder-von-der-Liebigstrasse-34/!5719305/).

Und damit schließ sich der Kreis.
Am Anfang steht eine moralische Empörung. Es kann doch nicht sein, dass das Eigentum an Wohnraum den einen ein leistungsloses Einkommen beschert, während die anderen sich das Wohnen nur mit Mühe oder gar nicht leisten können. Und damit keiner auf die falschen, nämlich richtigen, Gedanken kommt, dass es ja eventuell an den Eigentumsverhältnissen liegen könnte, wird die Empörung von der Qualitätspresse wie immer auf die Habenichtse („linke Chaoten”) gelenkt. Das Traurige ist, dass der größte Applaus – auch wie immer – wiederum von den Habenichtsen kommt.

Nun könnte man sagen, dass diese chancenlosen Projekte sowieso keinen Sinn haben. Doch, auch Atheisten und linke Chaoten pflanzen gern, wenn morgen die Welt untergeht, heute noch Apfelbäume.

Die große Freiheit ist es nicht geworden.
Es hat beim besten Willen nicht gereicht.
Aus Traum und Sehnsucht ist Verzicht geworden.
(Erich Kästner, Die kleine Freiheit)

Umgekehrt: Verzichten wir, wo es geht, auf die Realität; wir träumen und sehnen und tun etwas für die seelische Hygiene, wenn wir Gutes tun. Nicht für Geld, sondern damit es uns gut geht.
Die Realität holt uns dann schon und sagt uns:
So ist es nicht für immer.
Stimmt. Und wir holen uns die Realität und sagen:
So ist es nicht für immer.
Und als erstes kriegen wir raus, warum es so ist, wie es ist.

„Und solange die kapitalistische Produktionsweise besteht, solange ist es Torheit, die Wohnungsfrage oder irgendeine andre das Geschick der Arbeiter betreffende gesellschaftliche Frage einzeln lösen zu wollen.”
(Friedrich Engels, Zur Wohnungsfrage, 1872)

 

Am 9. Oktober 2020 wurde das Projekt Liebig34 geräumt.

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