Lesen! II

»… wir haben ein Problem. Das Problem heißt nicht Männer. Schon gar nicht Jungen. Das Problem ist eine bestimmte Art Männlichkeit …«
(Quelle: siehe unten)

Kauft man ein Buch, um seine Aversionen und Vorurteile zu bestätigen?

Nein. Man leiht es.
Inzwischen denke ich, ich hätte es auch kaufen können. Schon, um Nils Pickert zu unterstützen.

Ich wollte das Klischee umgehen, aber es ist – schon wegen des Titelbilds – nicht leicht. Auch in anderen Medien ist die Wahrnehmung:
Das ist der Mann mit dem Sohn mit dem Kleid.

Jens Pickert wird als Feminist vorgestellt, auch das ist problematisch. Und drittens halte ich es für gefährlichen Unsinn zu sagen, unsere Kinder kommen auf die Welt und ob sie später mal Junge oder Mädchen sein wollen, können sie dann selbst entscheiden. Einer meiner Verwandten sagte mal, als ihm ein Geschwisterchen geboren wurde und er nach dem Geschlecht gefragt wurde:
»Das ist noch ein Mädchen.«
Nein. Die Säugetiere kommen in der Regel als XX oder XY zur Welt und gebären nach einer diesbezüglich erfolgreichen Begegnung von XX und XY. Es hat keinen Sinn, diese Regel, besser: Regelmäßigkeit, in Frage zu stellen, wenn man nicht gerade Flat-Earth-Jünger ist. Man muss darüber reden, und dann auch mal fertig sein damit, wie man mit den Ausnahmen umgeht.

***

Pickert argumentiert nicht biologisch, sondern sozial. Mann im biologischen Sinne ist bzw. wird man ja sowieso. Oder eben nicht, aber auch das lässt sich nicht durch das Verhalten ändern. Man muss also sein Mannsein nicht beweisen. Man muss keine Frauen erobern, unterwerfen, dominieren. Man muss nicht mit einem andern Mann vor die Tür gehen, um etwas unter Männern zu klären.
Es kommt aber, sagt Pickert, nicht darauf an,
»was Geschlecht ist, sondern was wir aus Geschlecht machen. In Büchern, mit Spielzeugen, durch Farben und weitere Zuschreibungen. Geschlecht ist – nicht nur, aber auch – ein andauernder performativer Akt. Es wird erzeugt. Ein Handeln, eine Behauptung, ein Raumnehmen, eine Zurechtweisung. Die Mädchenpräferenz für Rosa und Pink ist hier und heute real, weil wir diese Wirklichkeit konstruiert haben.«

Die beste Gefährtin von allen weist mich auf das Glückwunschkartenangebot von Rossmann hin:
Glückwunsch zum Baby heißt es in pink, alternativ in blau: Glückwunsch zum Jungen.
Es lebe der kleine Unterschied.

Sei einfach du!
Wenn die Werbung das nicht so missdeuten würde – sei einfach du heißt nämlich: Kauf das Zeug, was wir für richtig halten, damit du authentisch bist – könnte man den Appell benutzen: Wenn du Pink magst, bitte! Spiel mit Autos oder Puppen oder Puppen in Autos. Nur zu!

***

Mir ist nicht ganz klar, ob und warum Pickert sich als Feminist bezeichnet. Er empfiehlt auch ausdrücklich, nicht verkrampft nach Frauen zu suchen (siehe auch https://neuleerer.blog/2020/08/25/tutte-le-strade/)
»um das Ganze etwas diverser zu gestalten. Nicht um ihrer selbst willen, sondern aufgrund ihres Geschlechts. Damit wird sie [die Frau] zum Token, zu einer symbolischen Geste, die Geschlechtergerechtigkeit antäuschen soll.«
Aber selbstverständlich soll man sie auch nicht unterbuttern, ignorieren oder sie und ihre Erfolge kleinhalten. Pickert schreibt über den Tennisspieler Murray, der einen Reporter zurechtwies, weil jener begeistert über den ersten Amerikaner, der soundso …
Dass es erste Amerikanerinnen gab, war dem Reporter nicht geläufig oder er nahm sie nicht ernst.
»… Murray war sichtlich [von der Frotzelei des Reporters] befremdet und weigerte sich, die Situation zu entspannen. Er entzog damit seinem Geschlechtsgenossen … die Validierung von sexistischem Verhalten durch Untätigkeit oder (stillschweigender) Zustimmung.«

Mich erinnert das an einen studentischen Arbeitseinsatz vor sehr vielen Jahren. Meine Kommilitonin besserte am Stuck herum; ich putzte hinter ihr her. Sie fand das seltsam.
Ich nicht. Putzen konnten wir beide etwa gleich gut, das mit dem Gips machte sie gewiss besser als ich. Was Gips da zu wundern? 14 Zeilen früher habe ich das Wort selbstverständlich benutzt. Vielleicht ist dieses selbstverständlich als Grundmotiv für Pickerts Buch zu sehen. Selbstverständlich können Frauen, vom Kinderkriegen oder Gewichtheben abgesehen, das meiste mindestens genau so gut wie wir; die genetischen Unterschiede brauchen wir nicht zu bemühen, weil sie vermutlich sowieso irrelevant sind (außer, wenn es ums Kinderkriegen geht).

***

Voll schwul, das Buch!

Wetten, dass dies in fünf, höchstens zehn Jahren als Lob durchgeht?
Im Moment, und das kann ich als Vater zweier Prinzessinnenjungs bestätigen, sind wir noch in der Klemme. Lange Haare, mit Puppenbuggy in die Kita? Das tut ein Junge nicht! Bringt bitte zum Wichteln ein Geschenk für Jungs mit! Und wenn der eine Junge nun die Glitzersachen mag, die ein Mädchen auspackt oder die Bügelperlen?
Nein, es geht nicht um Toleranz, sondern darum, dass es nichts zu tolerieren gibt. Toleranz ist im technischen Sinne geduldete (im sozialen: ertragene) Abweichung. Es ist aber keine Abweichung, wenn der Junge Ballett mag. Oder Schach. Oder Vulkanologie oder Klingonisch. Ja, es gibt Mehrheiten. Fußball, Fernsehen, Fahrzeuge. Aber vielleicht auch nur, solange nicht das gesamte Spektrum sichtbar ist, solange es nur diese drei F gibt für Jungs.

***

Die von Pickert selbst eingestandene Schwäche ist, zumal er sie selbst relativiert, keine echte Schwäche. Die wissenschaftliche Unterfütterung ist etwas dünn. Aber ich kenne das auch umgekehrt: Amerikanische Studien zeigen das und das und deshalb musst du dich so und so verhalten. Es ist eine Menge heiße, wenn auch amerikanische, Luft dabei. Pickert greift aber ins Leben, in sein Leben, in mein Leben, in dein Leben. Man kommt nicht umhin, sich in seinem »wir« genauso unwohl zu fühlen wie er.

Nils Pickert
Prinzessinnenjungs
Wie wir unsere Söhne aus der Geschlechterfalle befreien.
Beltz 2020

Das Buch kann man kaufen wo man will, zum Beispiel hier im sympathischen Buchladen um die Ecke (ich bekomme keine Provision).

Ein Gedanke zu “Lesen! II

  1. Pingback: Das Elend der Philologie | Neuleerers Blog

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