Der König hat immer noch nichts an

»Der auf das Treiben von Wissenschaft bezogene Topos der unkritischen Kritik findet eine auf das Treiben von Bildung bezogene Entsprechung im Topos der Halbbildung: Allseits unauthentisches Begrasen des Gegenstandes dient der Bedienung kultureller Produktionsinstanzen«
(Wolfram Meyerhöfer, Mathematikaufgaben zwischen Bildung und Standards, 2015)

Nach meinem Grimm über die Bildungsforschung hat Gott sei Dank Karl Marx die Ehre der Bildungsforscher halbwegs gerettet.
Allerdings stimmt das nur zum Teil. Es war ja nicht Karl Marx, der da aus meinem Radio gesprochen hat. Man müsste noch mal zurückspulen, dachte ich noch. Man staunt, was heutzutage alles geht.

Als ich noch jung war nämlich, gab es die Sendung Duett – Musik für den Rekorder. Um 15:03 Uhr, nach den Nachrichten, wurde vermeldet, das jetzt Uriah Heep (gesprochen wie geschrieben) folgt und dann musste man auf den Knopf drücken. Wenn genügend Band auf der Spule war, hatte man die A-Seite der Schallplatte auf demselben. Wenn nicht, dann nicht; verpasst hieß verpasst.
Das wollte ich gar nicht erzählen, aber nun steht es da.
Doch, das wollte ich erzählen, weil mich mitunter der Fortschritt doch begeistert. Man kann das Interview nämlich nachhören (https://www.radioeins.de/programm/sendungen/der_schoene_morgen/_/welche-folgen-die-corona-pandemie-fuer-schuelerinnen-hat.html), aber nur bis zum 26.02.2021.

Kai Maaz heißt der sympathische junge Mann und sympathisch ist auch, dass er sich keine Zahl aus der Nase ziehen lässt, was uns die Pandemie in den nächsten achthundert Jahren kosten wird.
»Es wäre der Blick in die Glaskugel, diese Zahl [der Schüler, welche Nachteile erleiden werden] genau zu beziffern …«
»Ich halte nichts davon, jetzt Coronajahrgänge auszurufen oder verlorene Generationen.«
Maaz verweist auf die Kurzschuljahre der sechziger Jahre, für die man auch nur theoretisch einen Nachteil ausrechnen könnte, »aber wir würden doch nicht ernsthaft von einer verlorenen Generation der jetzt 60-Jährigen sprechen …«
Nein, würden wir nicht. Auch nicht von den Opfern der »Neuen Mathematik« oder anderer Torheiten, und da spreche ich nur von den Westtorheiten. Selbst die Riesentorheit PISA, »mit der ein Prozess eingeleitet [wurde], der auf Standardisierung und Operationalisierung von Bildung gerichtet ist, und damit auf intellektuelle Verarmung und Formalisierung, auf geistige Enge und Orientierung am Mittelmaß …«
»wird die Schule langfristig überstehen …«

(Jahnke, Meyerhöfer: Pisa und Co. 2006)

Maaz lenkt also den Blick auf die aktuell vor uns stehenden Aufgaben. Das ist dann nicht mehr so wahnsinnig originell. Den Stolper-Preis gewinnt man damit nicht; den bekam der Bildungs- nein, nicht –forscher, sondern Bildungsökonom Ludger Wößmann. Gewiss völlig zurecht, aber ich stolpere gedanklich schon bei dem Wort Bildungsökonomie. Ich denke, das Eine hat verflixt wenig mit dem Anderen zu tun. Klar, mehr Bildung führt zu mehr Wohlstand, da muss ich nicht lange forschen. Ja, es stimmt wohl, dass der bessere Alphabetisierungsgrad der Protestanten einerseits zu höherer Bildung und anderseits zu höherem individuellem und gesellschaftlichem Wohlstand führte. Aber erstens würde ich das Einerseits-Andererseits nicht vorschnell kausal verknüpfen, zweitens hat Wößmann die Juden vergessen und drittens will er die ökonomische Effizienz, die er für die Wirtschaft – als Ergebnis – wünscht, in der Schule – als Voraussetzung – etablieren, und damit ist auch klar, dass er kleinere Klassen und überhaupt mehr Geld für die Schule ablehnt.

***

Eigentlich wolle ich mich heute an der KMK abarbeiten. Kein K hat was mit König zu tun, deshalb die Überschrift. Nun ist die KMK nicht nur so reaktionär und so uneinsichtig wie der Papst, sondern auch so langlebig, deshalb eilt es jetzt nicht.

***


»Halt die Klappe, ich hab Feierabend!«
(Schildkröte)

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