Autobiographie, Teil II

Autobiographie, Teil II

»Wenn der Wagen mehr als 10 Tage außer Dienst ist, muß er so aufgebockt werden, daß die Reifen entlastet sind. Vorn müssen unter die Stützlaschen der Spiralfedern der Aufhängung Stützen gelegt werden, hinten unter die Gehäuse der Halbachsen der Hinterbrücke.«
Betriebsanleitung Wolga M21

Das erste Auto der Familie, an das ich auch Erinnerungen habe, kam 1977 in unseren Besitz.

Los ging es mit einer bescheidenen, sehr bescheidenen Erbschaft, die durch den Tod der Großmutter anfiel. Nun könnte man sich ja ein Auto, ein billiges Auto freilich, ein gebrauchtes und sehr billiges Auto, leisten. Nein, wir konnten es eigentlich nicht. Aber dem Vater, der ein Bein und einen beträchtlichen Teil seiner Gesundheit im Kriege verloren hatte, wurde das Laufen zunehmend beschwerlich, und er hatte viel zu laufen.
Vaters Kollege und Freund, der einige Male im Hause weilte, wurde zu Rate gezogen; er bot zweierlei Beistand an. Den ersten mit einer Wendung, die ich auch gern einmal benutzen würde. Er meinte, er sei »finanziell in eine etwas ungewohnte Situation gekommen«, könne also etwas aushelfen.

Und dann wog er ab, welches Auto in Frage kommen konnte. Er schwankte zwischen Traber – kein Mensch sagte Traber zum Trabbi, aber der Kollege fuhr öfter nach Hoppegarten zum Reiten – und Zitrone, womit nicht irgendein Citroën, sondern der 2CV gemeint war, also die Ente.

Irgendwie verfiel er dann auf einen Schurken, der Wolgas aus dem Schrott fischte und, unwesentlich veredelt, veräußerte. Obwohl der ursprüngliche Verkaufspreis durch die bescheidene Erbschaft zunächst gedeckt war, musste der angebotene Kredit doch aufgenommen werden, da dieses und später auch jenes und noch später immer noch mal was gemacht werden musste. Es war immer teuer, wegen der Ersatzteile und wegen der Schurken, gegen die Vater machtlos war.

Der Wolga wurde pünktlich für den Urlaub, den die Eltern in Bad Freienwalde verbrachten, fertig. Also fast pünktlich; er musste nachgeliefert werden. Es geschah dies am späten Abend und es geschah nicht ganz ohne Aufsehen. Die Türen schlossen nicht so ganz leicht, sondern mussten ziemlich heftig zugeworfen werden, was mehrmals von der einen Seite demonstriert und von der anderen probiert wurde. Viele Monate später war ausgerechnet ich der Unglücksrabe, welcher der Geduld des Materials ein Ende zu setzen wusste: Ich schloss die Beifahrertür, durchaus angemessen, wie ich meine, und mir bröselte die Scheibe in den Schoß.
Wie kann man eigentlich einem Autoschlosser trauen, der nicht mal einen Schließkeil richtig justieren kann?

Jedenfalls hatten wir nun einen Wagen. Den Eltern zur Freude, den Söhnen zur mehr oder weniger erfolgreichen Anwendung der an militärischen Fahrzeugen erlernten Fähigkeiten, welche zum Teil darin bestanden, das Gerät zu bewegen, zum größeren Teil aber, es zur Bewegung tauglich zu machen. Mein Bruder war zur der Zeit »bei der Fahne« (ostdeutsch für Bund), Bei mir war es 1979 soweit.
Jedenfalls konnte ich, und kann es wohl nie wieder, bei minus 17° Celsius eine Wasserpumpe wechseln – eine Lappalie, wenn man bedenkt, dass ich kurz vorher im Feldlager bei ähnlicher Witterung eine 17-Scheiben-Trockenkupplung bei einem Gerät 137 (d.i. ein Panzer T 55) ausgebaut und eine andere wieder eingebaut habe. Nicht ganz allein, sei zugegeben, ich hatte, liebe Brecht-Freunde, noch einen Koch bei mir. Der hieß allerdings nur so und davon wurde es auch nicht wärmer.

***

Die Militärzeit ist wieder mindestens ein Kapitel für sich. Ich habe eine Menge gelernt. Die früher geläufige Floskel Hamse schon jedient? bezog sich wohl darauf, dass man einen gehörigen Tribut ans Vaterland abgeliefert hat, vor allem aber, dass man mit Entbehrungen, mit Unterordnung und Demütigung umgehen konnte.
Ich bin immer noch kein Befehlsempfänger. Ich war, sozusagen rein technisch, von dem 36-Tonner fasziniert. Mir ist die Haltung heute nicht peinlich, aber ich habe sie überwunden. Ich war nicht im Krieg, aber ich musste mich darauf vorbereiten und das hat elend viel Zeit verschlungen, die ich zivilen Tätigkeiten hätte widmen können. Volkswirtschaftlich war es für den östlichen Teil Europas ruinös; man konnte militärtechnisch durchaus mit dem Westen mithalten, nicht aber mit seinem Wohlstand.
Ich konnte jedenfalls ein motorisiertes Fahrzeug bewegen; ja, es hat Spaß gemacht. Ich war gerade achtzehn Jahre alt, als ich die notwendigen Prüfungen bestand, und ein Hänfling von 60 kg. Aber mit dem Gefährt gab es keine Hindernisse. Im zweiten Teil der Dienstzeit meldete ich mich häufig für Nachtschichten. Wenn ein Fahrzeug defekt war, wurde solange repariert, bis es wieder lief. Das konnte sich hinziehen. Ich war in der Werkstatt, hatte mein Ruhe und war am nächsten Tag vom Dienst befreit.

Übrigens, weil im Teil I von Schreibmaschinen die Rede war: Eines Tages fragte der Kompaniechef, wer denn Schreibmaschine könne. Ich meldete mich. Es war jetzt nicht so wie in dem alten Kommisscherz: Wer kann Englisch? Latrine putzen! Nein, ich kam tatsächlich in die Schreibstube und das war schon sehr gemütlich.
Das wollte ich gar nicht erzählen, aber nun steht es da.

Wir hatten einen Wagen. Er hatte keine Sitze, sondern zwei durchgehende Sitzbänke. »Wie auf’m Sofa«, pflegte Mutter zu sagen. Der Schalthebel war am Lenkrad. Das Schalten war Arbeit, das Lenken war schwere Arbeit. Mutter, die für den Auslandsaufenthalt ebenfalls einen Führerschein spendiert bekam, war froh, dass Vater, der trotz der Mühe gern Auto fuhr, ihr galant den Platz auf dem Sofa zuwies. Meistens fuhr er sowieso allein, aber es gab den einen oder anderen Ausflug mit dem »Dicken«, wie er bei uns hieß.

Der Wolga war das erste Auto, das ich ein Stück fuhr. Ein kleines Stück, ein sehr kleines. Ich durfte die Kardanwelle wechseln, fahren durfte ich nicht. Die Welle hing an vier Schrauben, die man mit Mühe hineinfummeln konnte, zum Anziehen mit dem Schlüssel musste man sie bewegen, mithin das Differentialgetriebe, mithin die Räder, mithin das Auto. Das war mit Muskelkraft möglich, aber schwer. Also entschloss ich mich zu einer illegalen Fahrt von insgesamt zwei Metern inklusive Probefahrt. Vater hat es nachträglich genehmigt, was sollte er machen.

Der Reparaturaufwand nahm zu, die Freude ab. Im Briefwechsel des Vaters mit mir während der andauernden Militärzeit tauchten allmählich Erfolgsmeldungen zum stückweisen Verkauf des Wolgas auf. Es war nicht mehr zu retten.
Also musste Ersatz her.

Fortsetzung folgt.

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