Euros nach Athen

In den in den märkischen Sand gesetzten Schulen tobt wieder das Leben und da will auch ich endlich wieder fleißig sein.

So nachrichtenlöchrig war der Sommer nicht, allein meine Kreativität pausierte und nun ist das vorbei und nun fangen wir an.
Ich wurde mit der neckischen Frage konfrontiert, ob ich denn griechische Staatsanleihen kaufen würde. Ja nee, wohl eher nicht, aber warum auch bzw. wieso eigentlich nicht? Begleitet wurde die Frage von dem gar nicht neckischen Kommentar zu den toten Rentenempfängern im Besonderen und der sagen wir sehr südländischen Mentalität im Allgemeinen und Griechischen, der so BILD-blöd-bescheuert war, dass man schon weiß: Hier helfen Argumente auch nicht mehr.

Dass der Anteil der griechischen Menschen, die auf abhängige Beschäftigung angewiesen sind, an der Wertschöpfung relativ und absolut nicht die der deutschen Kollegen übersteigt, ist so klar, dass man nicht viel darüber nachdenken muss, wohl aber darüber, warum die permanente Volksverhetzung der BILD nicht nur Erfolg hat bei Leuten, die nicht in der Lage sind, die Syntax und Semantik dieses Satzes zu erfassen, sondern auch bei denen, die man zwar gemeinhin zur Intelligenz zählt, die aber gleichwohl abhängig beschäftigt sind, also quasi arme Schweine, (wenn auch nicht griechische arme Schweine), die man erfolgreich von dem Gedanken fernhält, dass der Unterschied zwischen griechischen armen Schweinen und deutschen armen Schweinen sicher nicht an der Tüchtigkeit hier und der Gerissenheit da liegt und überdies nur temporär ist, weil wir nämlich jetzt Harmonisierung haben.
Einerseits.

Denn andererseits gehört zu der Geschichte, dass pars pro toto Griechenland paradoxerweise den Euro bekam, um das Land fit für den Euro zu machen. Wenn man vor Tisch Drachmen in das Land steckte, bekam man auch Drachmen wieder heraus, evtl. auch ein paar mehr Drachmen als hineingesteckt. Wenn man aber zunächst Dollars oder Deutschmark in die Drachme investieren musste, hatte man am Ende vielleicht noch 80 Cent für den Dollar und das will ja keiner.

Wer in den letzten Jahren griechisch investiert hat, tat dies in Euro und hatte kurzfristig die Gewissheit und langfristig die Hoffnung, nicht nur Euro (das ja sowieso), sondern mehr Euro wiederzubekommen und das könnte nun schwierig werden. Griechenland hat mit dem Euro versucht, wettbewerbsfähig zu werden (das Geld floss ja nicht nur in korrupte Hände oder Renten toter Seelen, sondern durchaus in die Infrastruktur), aber leider gibt es bei der Exportweltmeisterschaft nicht nur Gewinner.

And the winner takes it all. Wenn es mit dem Euro demnächst hapert, dann darf es auch ein Stück Staatsbahn oder E-Werk sein. Dort werden weiter Euros produziert, nur dass die jetzt außer Landes gehen.

Die schon mit Händen greifbare Häme des Zentralorgans deutscher Stammtische (Pech für die Griechen, aber wir wirtschaften nun mal besser mit dem Geld) ist natürlich fehl am Platz, aus zwei Gründen: Erstens hat ja kein armer Deutscher etwas davon, wenn die armen Griechen ausgeplündert werden (so wie in den letzten Feldzügen zwar der eine oder andere Schinken oder Pelzmantel nach Hause geschickt wurde, die Heimat aber am Ende in Schutt und Asche lag, während das Kapital ganz munter aus eben dieser Asche stieg bzw. ja nie richtig tot war). Man kann es auch kurz sagen: Das Geld fließt vielleicht von West nach Ost oder von Nord nach Süd. Ganz gewiss, und zwar vermehrt, fließt es in die Gegenrichtung.

Und immer fließt es von unten nach oben.

Zweitens hatte ich neulich einen erschreckenden Gedanken. Obwohl ich ihn brav für mich behielt, kursiert er nun in den europäischen Gremien. So schlau bin ich dann wohl doch nicht bzw. er lag ja auf der Hand: Nicht mehr die Nationalstaaten borgen, sondern die EU. Und dann haftet auch die EU.

Doch, so schlau hätte man sein können: Wer Euro verleiht, will Euro wiederhaben. Und wie viel Cent der Euro nach der Laufzeit wert ist, wird sowieso durch alle Teilnehmer der Eurozone bestimmt. Das kann man national sehen (ist auch erst mal nicht ganz falsch) und prima die Propagandamaschine am Laufen halten: Wir guten, tüchtigen, sparsamen Deutschen müssen nun für das arbeitsscheue Gesindel aus den Kommste-heut-nicht-kommste-morgen-Ländern aufkommen, außerdem kann man – wegen der Aufregung aus erstens ganz ungestört und irgendwie wenigstens scheinbar logisch begründet – weiter an der Umverteilung von unten nach oben arbeiten bzw. arbeiten lassen. Harmonisierung (Steuern rauf) und Eigenverantwortung (Lohn runter) laufen schon ganz gut; nun kommt noch die Solidarität (Steuern noch mehr rauf, Lohn noch mehr runter) hinzu. Dagegen kann man als guter Europäer gar nicht sein, aber als stolzer Deutscher darf man seinen Groll füttern. Das lenkt davon ab, wen wir mit unserem Geld eigentlich füttern.

Fällt den irgendwie und außerdem geistig zu kurz gekommenen Fußsoldaten der BILD, die am liebsten mit dem Maschinengewehr schrieben, gar nicht auf, dass ihr Nationalismus immer dann am meisten lodert, wenn die Deutsche Bank (bzw. Deutsche Bahnen bzw. das, was mal Deutsche Post hieß) mal wieder und zwar in mehrfacher Hinsicht etwas weniger deutsch ist?

Zurück zur Frage, ob ich griechische Anleihen kaufe. Nun ja, da ich kein Geld habe, kann ich mir einen moralischen Standpunkt leisten und der geht so:
Weil das Geld nur in den Hirnen der VWL-Phantasten arbeitet, jemand sich also dafür, dass ich Geld mit dem Geld verdiene, krumm machen muss, habe ich Bedenken. Mit entsprechendem Vermögen verlöre sich das natürlich. Und dann würde ich zu kurzfristigen Anleihen raten, denn ob man es nun Euro-Bonds nennt oder nicht – es gibt eine gemeinsame Haftung und damit ist das Geld erst mal sicher.
Und langfristig?
Die nationalen Anstrengungen um die besten Standorte werden trotzdem weiter betrieben, und das heißt notwendig, dass die Euro-Staaten (einzeln oder gemeinsam ist dann eh wurscht) sich weiter astronomisch verschulden. Der größte Teil des Geldes besteht (jetzt schon, aber später noch mehr) nur virtuell und irgendwann platzt auch diese Blase.

Bis dahin hat man wenigstens die Zinsen.

Dienstag, den 29.09.2011

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