Und nicht über und nicht unter …

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.

(Heinrich Heine, Deutschland, ein Wintermärchen)

Es war ja nicht alles schlecht an der Wende.

Sie sorgte auch für Heiterkeit, und das konnten wir brauchen.
Ich war bei einem ehemaligen Kommilitonen zu einer Wiedersehensfeier mit anderen ehemaligen Kommilitonen und kurz zuvor war Karl Moik in Cottbus.
„Wer hätte das gedacht … Wahnsinn!“
Wir sprachen auch so, nicht weil jemand den Stadl gesehen hätte, sondern weil sich der Scheibenwischer (grandios: Dieter Hildebrandt und Richard Rogler!) ebenfalls herrlich darüber lustig gemacht hatte.

Ich fing übrigens an:
„Wer hätte das vor kurzem noch gedacht, dass man sich mal ein bisschen verfährt und gleich im Westen landet?“
Alle im Chor: „WAHNSINN!“

Mir war es tatsächlich passiert, dass ich mit meinem roten Trabanten die Wollankstraße von Nordost nach Südwest (Betonung liegt auf West) fuhr und diese nicht mehr ordnungsgemäß kurz nach der Florastraße endete. Keine Spur, kein Krümelchen der Grenzanlage, aber die Straße wurde besser, die Trabantendichte nahm abrupt ab und die Geschäfte sahen anders aus. Vor allem gab es welche. Wahnsinn!

Noch so ein Dönneken?

Wir hatten eine Westverwandte, die Cousine meines Vaters. Die wohnte in Rudow und nun konnte man die ja besuchen. Mein Vater leider nicht mehr, aber ich peeste hin.
Aus irgendeinem Grunde parkte ich nicht direkt vor ihrer Haustür (kein Parkplatz?), sondern in der Nähe. Ich vergaß sofort den Straßennamen, aber in Fahrtrichtung war eine Kreuzung in Sichtnähe, und an der Kreuzung war ein Supermarkt. Konnte man doch gar nicht verfehlen.
Nach dem Besuch war ich dann überrascht, wie viele Kreuzungen mit Supermarkt es in Rudow und Umgebung gab. Die meisten ohne Trabant in Sichtnähe. Es war auch schon dunkel und ich begann leise zu weinen.

Noch so ein Dönneken?

Mein Bruder (der Erfinder von Microsoft, Apple und des WWW, siehe https://neuleerer.wordpress.com/2020/09/07/neuland-unterm-pflug/) hatte keine Zeit mitzukommen, hatte aber Zeit, einer weitläufig Bekannten das Bad zu fliesen. Die Fliesen waren vorhanden, aber es fehlte an etwas, das ich nicht kannte und auch vermutlich nie vermisst hätte. Aber ich sollte es besorgen.

„Tach, ick hätte jern Fliesenkreuze.“
„Na, welche Größe denn?“

Die haben im Westen etwas, das wir nicht haben, und dann auch noch in verschiedener Größe? Potzblitz!

„Na, die mittleren.“
Pause.
„3 mm?“
„Äh. Genau.“
„Wieviel brauchste denn?“
Pause.

Noch so ein Dönneken?

Na ja, ich könnte noch erzählen, wie ich das erste Mal im Supermarkt war und versucht habe, den Einkaufswagen durch das Drehkreuz zu dremmeln.
Ach was, wir haben uns als Ossi gehörig blamiert, mit Harmlosem und mit finanziellen Verlusten, weil wir unbedingt sofort(!) einen Westwagen brauchten und eine Bausparversicherung und eine Lebensversicherung und eine Versicherung zur Absicherung der Beträge zur Lebensversicherung und noch eine für irgendwas – ich habe tatsächlich vier Versicherungen an einem einzigen unglückseligen Tag des Jahres 1990 abgeschlossen.

Dafür bin ich verschiedentlich als Wessi durchgegangen, sogar schon vor der Wende. Unter den Linden gab es einen Laden, Kunst und Buch oder so hieß er, es gab jedenfalls beides. Ich war damals sehr verwegen gekleidet, das war es wohl, denn die Dame an der Kasse meinte zu mir hoffnungsfroh:
„Sie können auch in Ihrer Währung zahlen.“

Und dann wurde es meine Währung.
Und es wurde mein Land, und irgendwie auch nicht, mein altes verschwand und mein Thema sollte sich eigentlich der Einheit widmen und wieso ich Schwierigkeiten mit dem Begriff habe, aber – andermal, denn …
die Augen begunnen zu tropfen

***

Die Göttin hat mir Tee gekocht
Und Rum hineingegossen;
Sie selber aber hat den Rum
Ganz ohne Tee genossen.

(Heinrich Heine, Deutschland, ein Wintermärchen)

The first cup is the deepest oder Tage wie dieser

One more cup of coffee for the road
One more cup of coffee ’fore I go
To the valley below

(Bob Dylan, Nobelpreis für Literatur 2016)

Gestern war Tag des Kaffees; die SZ schreibt etwas über spannende Fakten dazu und ich lese es nicht, weil ich mich wieder aufrege, weil man nicht interessant schreiben kann, wenn man interessant meint und spannend, wenn – und dann ärgere ich mich über mich, weil ich ja weiß, dass die Sprache auch ohne meine neunmalklugen Einwände beständig verhunzt wird und dann brauch ich erst mal einen Kaffee.

Und nun hängt mir auch noch jemand einen Vollmond ins Fenster.

Gibt es auch einen Tag des Mondes? Ich schau mal nach, in der Gewissheit, nee, das nun also nicht …

… doch, gibt es. Dann gibt es wahrscheinlich auch einen Gib-deinem-Auto-einen-Namen-Tag.

Ja, und zwar ist das heute. Da fällt mir fast nichts mehr ein und das bisschen will keiner wissen und außerdem wird’s ja nicht besser. Morgen ist Tag der deutschen Einfalt und das wird dann auch erst morgen abgearbeitet. Zwischendurch feiere ich den Tag des Schlafs.

Es ist nicht zu fassen, den gibt es auch, am 21. Juni.. Fehlt nur noch der Tag des Beischlafs. Den kann es nicht geben; ich meine einmal im Jahr?
Eine Quelle behauptet seine Existenz, allerdings eben nur eine Quelle, die Entenpost. Das ist dann fast schon wieder schade.


Aber es gibt ja noch andere Tage, nämlich …

Gute Nacht!


Elbflorenz der Preußen oder kleine Relativitätstheorie

Elbflorenz der Preußen oder kleine Relativitätstheorie

Berlin ist größer als die Hauptstadt der DDR
Ostberliner Studentenulk aus den 1980ern

Nein, es geht nicht um Spreeathen. Gott bewahre! Hat jemand aus dem Volk wirklich mal Telespargel gesagt, oder Magistratsschirm?

Es gibt den Berliner Witz, zweifellos. Der Neptunbrunnen hieß einst im Volksmund Forckenbecken und ausnahmsweise, für die Jüngeren, sei das erklärt:
Kollege Neptun hat einen Dreizack in der Hand, welcher einen, der vom Land kommt, an eine Mistgabel erinnert oder eben an eine Forke. Damit steht er im Granitbecken und als das Kunstwerk neu war, hieß der Berliner Bürgermeister Forckenbeck.

Für sowat könnt’ ick ma hinlejen. Forke und Becken, vastehste? Und denn heeßt der Typ ooch so.
Aba wieso berlina ick denn so? Ach so, dit war et:

Wir ham jetze hundert Jahre Jroß-Berlin.

Am 1. Oktober 1920 wurde Berlin nämlich so richtig städtisch:
Wilmersdorf kam dazu, außerdem Biesdorf, Hellersdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf. Und Heinersdorf, Hermsdorf, Reinickendorf. Natürlich Mariendorf und Zehlendorf. Und Bohnsdorf, Schmargendorf und Rahnsdorf.
Und Pichelsdorf – wenn das nicht nach Weltstadt klingt!

Wobei – das weltstädtische, literarische, künstlerische Berlin blieb ja in den paar Quadratkilometern zwischen Kupfergraben und Festungsgraben plus ein bisschen Friedrichswerder stecken, naja, ein bisschen Dorothenstadt, das bisschen Luisenstadt, sicher Königsstadt, allenfalls noch Stralau …

Ich meine, Berlin Alexanderplatz (Alfred Döblin) spielt ja nicht in Friedenau, oder? War Kurt Tucholsky jemals in Steglitz? Wilhelm Voigt kam bis Köpenick, aber das war ja Ausland und Walther von Lüttwitz mit seinem überhaupt nicht nach ihm benannten Kapp-Putsch? Der konnte das doch zu Fuß erledigen.

Nun kann die ganze Würdigung mir ja gestohlen bleiben. Soll das die Berliner Zeitung machen, der Berliner Rundfunk, der Berliner OB.
Berliner Herz- und Schnauzenträger lässt es vermutlich völlig kalt.

Was mir zunächst dazu einfällt, hat nämlich mit Berlin gar nicht so viel zu tun, sondern mit – Trommelwirbel – 100 Jahren!
1920 ist ganz schön weit weg. Das war es auch in meiner Kindheit. Mit dem Unterschied, dass ich in meiner Kindheit noch mit Zeitzeugen sprechen konnte, die 1920 gelebt haben. Aber die waren ja auch uralt. Und nun stelle ich mit nicht enden wollender Bestürzung fest, dass ich die meisten dieser 100 Jahre in den Klauen dieser Riesenstadt, die selbst halbwegs halbiert noch sehr unübersichtlich war, verbracht habe. Und da ich ja immer älter werde, wird der Abstand zwischen den Zwanzigern und mir relativ gesehen immer kleiner. Ich bin also auch zum großen Teil hundert.
Vastehste?

Kommen die Goldenen Zwanziger wieder?
Lassen wir mal das „Golden“ weg.
Man kann einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einer Axt, sagte Heinrich Zille damals. Die Zustände, die er fotografierte und zeichnete, sind insofern anders, als heute nicht mehr acht oder zehn Menschen in Stube, Kammer, Küche hausen. Man lebt schon etwas großzügiger, aber immer weniger mitten in Berlin. Meine Berliner Wohnungen (bzw. die meiner Eltern, in denen ich ja auch irgendwie zum Inventar gehörte) könnte ich mir jetzt nicht mehr leisten, dabei verdiene ich gar nicht so schlecht.

Keine Wohnung ist heute genauso übel wie damals.

Laut Statista GmbH hat jeder Einwohner in Deutschland heute 47 Quadratmeter Wohnung zur Verfügung. Aber wie das so ist mit Statistiken: Meine Nachbarin rechts hat 105 Quadratmeter für sich, die Nachbarn links teilen sie sich zu zweit (nachdem das Kind ausgezogen ist); wir hausen zu viert.
315 m² geteilt durch sieben gleich 45. Passt. Das ist jetzt kein Mikro- sondern ein Nanozensus. Oder ein Nonsenszensus. Denn er berücksichtigt nicht, das wir zum mittleren Drittel der unteren Hälfte der Mittelschicht gehören. Und da es die obere Hälfte gibt und die Oberschicht mit hundert Quadratmeter großen Schlafzimmern, sieht es unten entsprechend übel aus.

Noch größer ist die Ungleichheit bei der politischen Dummheit. Davon ist genügend vorhanden, es reicht für fast alle. Und die Bandbreite ist größer. Damals war man Rotfrontkämpferbund oder SA, und das ist natürlich etwas anderes als Beatles oder Stones, Hertha oder Union, Pelikan oder Geha, aber die Dichotomie war doch ausgeprägter als heute.
Die wahren Durchblicker – die Reichsdeppen, die Armleuchter für Deutschland, die besorgten Bürger – sehen die anderen nur als linksgrünversifft oder als Schlafschafe, aber ein bisschen mehr Vielfalt gibt es schon bei diesen und auch bei jenen.

Und damals wie heute, bei allem, auch nicht vorhandenem Pluralismus, geht’s doch nur darum: Hast du was oder hast du nix. Hundert Quadratmeter für deinen begehbaren Kleiderschrank in deiner neoklassizistischen Villa im Grunewald oder sechzig Quadratmeter Hellersdorf für dich und deine Lieben.
Was immer noch so unbegreiflich ist wie damals: Dass die in den Hütten die Geschäfte derer in den Villen betreiben.

Jetzt bin ich aber, würde Urban Priol sagen, etwas abgeschwiffen.

Denn es geht um Berlin und zum Klassenkampf kommen wir schon noch.

100 Jahre Groß-Berlin stimmt so nicht ganz. Die Gründung ist hundert Jahre her, aber im Gegensatz zur Uroma, die in diesem Jahr hundert Jahre alt wird, war Berlin keine zwei Monate lang dasselbe. Es gab Aufbruch, Euphorie, Pioniergeist, es gab dumpfes Grauen, Zerstörung und Aufbau.
Und immer wieder überall Baustellen; Berlin wird nie fertig. Und nie wird man Berlin-Alexanderplatz begreifen, wenn man in Berlin-Neukölln wohnt. Zoo ist etwas anderes als Tierpark, Marzahn anders als das Märkische Viertel.

Die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts haben etwas Faszinierendes, ja. Mal abgesehen von der Musik, der Literatur, dem Theater – in Berlin konnten sich fünf, sechs Leute zum Tee treffen und das ist ja nichts Besonderes. Es konnten sich fünf, sechs Leute zum Tee treffen und über naturwissenschaftliche Erkenntnisse plaudern. Das mag heute schon schwieriger sein, wenn man der Industrie verpflichtet ist oder dem Militär.
Es gab solche Runden – kein Dünkel, kein Club, sondern normale Treffen normaler Wissenschaftler, die nur ganz zufällig allesamt Nobelpreisträger waren. Ja, es mag belanglos sein gegenüber dem Gestampfe der Stiefel, das gleichzeitig zu hören war und erst recht gegenüber dem dann folgenden Grauen, das – auch nur unter anderem – zumindest dem freien Geist ein Ende setzte. Aber das Eine hat mit dem Anderen zu tun.

Es ist ja nicht so, dass hundert Jahre später wieder solch ein Vernichtungsfeldzug vor der Tür steht, wie er nach den goldenenen und dann brauner werdenden zwanziger Jahren begann. Aber wenn man sich dessen sicher sein will, sollte man die Verachtung der Kultur, der Wissenschaft, des Intellektuellen als Beginn jeder Tyrannei ächten. Man muss nicht alles wissen oder alles mögen. Haltet nur folgende Banner in Ehren:

Sapere aude!
Cogito ergo sum!
De omnibus dubitandum!

Sind nicht die Schlafschafe eher unter denen zu suchen, die ohne zu denken den erstbesten Parolen folgen?

Gute Nacht, Deutschland! Gute Nacht, Berlin!

Herbst

Herbst

Herbst und herbster wirds und dunkel
schon am hellerlichten Tag.
Kalt genug für meine Jacke,
die ich, weil sie bunt ist, mag.

Bunt ist (logisch, weil ja Herbst ist)
auch das Laub auf der Allee.
Und ins Schleudern kommen Autos,
später rutschen sie auf Schnee.

Eine Marktfrau, die als furchtbar
dünn ich neulich noch empfand,
wird durch fünf Pullover pummlig.
Schlank ist nur noch ihre Hand.

Und die Liebste für die Ohren,
auch für meines Kopfes Grütze,
strickt mit Liebe und mit Wolle
eine kunterbunte Mütze.

Herbst und herbster wirds und dunkel.
Deshalb greifen wir zu Kerzen.
Diese brennen nun und wärmen
des Reimes wegen unsre Herzen.

Mein Herz soll ein Wasser sein

Da hat sich unter meinem Hemd
mit den Jahren was verklemmt,
da hat sich unter meinem Hemd
allerhand verklemmt.
(Lied auf die Vermieterinnen von möblierten Zimmern)

Denn es gibt Leute, die nicht bis sieben zählen können,
die kommen nur bis sechs,
denn es gibt Leute, die niemals liebend lieben können,
die kommen nur bis Sex.
(Verse auf sex Beinen, beide Kurt Demmler 1975)

Ich glaube, ich bin Synästhetiker. Zumindest war ich es in meiner Jugend. Ich hatte meine polnischen Kopfhörer auf, und was sich zwischen den Ohren abspielte, war ein Landschafts- und Farbenkino, das kein LSD brauchte. Essen ist die Erotik des Alters, heißt es; die Erotik meiner Jugend war die Musik. Vielleicht ist Erotik das falsche Wort; es war halt ein Überschäumen, das sich nicht teilen lässt (ich hab’s versucht, es klappt fast nie) – und vielleicht auch gar nichts Besonderes …

Wenn du 15 bist und dir das Herz fast überläuft
Aber keiner scheint das zu sehn
Bleibt dir manchmal nur das Tagebuch …

(Gerhard Schöne – à propos: https://www.youtube.com/watch?v=7WbKQqHfbQs – für heulende Nostalgiker und Neuentdecker)

… in dem Alter hat man sich ein Schild an die Stirn zu nageln: Wegen Umbaus geschlossen!

Evtl. bleibt man Künstler. Muss ja keiner merken. Hauptsache, man merkt es selber. Und dann denkt man bei dem monumentalen Werk Lieder des kleinen Prinzen, ach, das könnte ich aber besser. Und kürzer.

Ich glaube, das ist mir gelungen. Das Werk ist leider verschollen.

Was aber bleibt: Eine knöcheltiefe Verneigung vor dem Werk eines Menschen, der heute Geburtstag hätte. Allein die Liedtitel:
Mein Herz muss barfuß gehen, Jeder Mensch kann jeden lieben, Dieses Lied sing ich den Frauen, Lied aus dem fahrenden Zug zu singen.

Wikipedia schreibt: Außerdem schrieb Kurt Demmler Liedtexte für … und weitere Interpreten.
Das „ … “ steht für siebenundfünfzig (in Zahlen 57) Einzelinterpreten und Gruppen. Was für eine lyrische Produktivität! Und – weitere Interpreten!

Und doch – bei allen Liedern für den Prinzen waren es dann die Prinzessinnen, die anscheinend allen Grund hatten, ihm den Prozess zu machen. Allein, „mit dem Tod des Angeklagten ist ein Verfahrenshindernis eingetreten“.

Es gibt also kein Urteil, aber es gibt seine Texte.

Und der Vater von Maria
und der des begonnenen Kindes
wollten nichts mehr von ihr wissen
geh‘ Maria und verwind‘ es.

Und Maria schluckte heftig
und es lag ihr schwer im Magen
und ihr Kindchen lag daneben
und sie wollt’s nicht nur ertragen.

Empathie hin, Obsession her – es geht nicht gegen die Männer, obwohl zwei versagt haben. Es geht um Maria, die ihren Weg geht, und doch …

Heute Nacht sah ich Maria
eine Frau von Mitte dreißig
steh’n in einer Telefonzelle
Tränen sah ich und nun weiß ich, …

… ja, und dann kommen die letzten Zeilen, die ich – aus heutiger Sicht wohlgemerkt – doch besser gemacht hätte.

… dass emanzipierte Frauen
Die uns ach so stark erscheinen
Noch Jahrzehnte lang und länger
Nachts um ihre Schwächen weinen.

Mein Vorschlag:

… dass die verteufelt starken Frauen
manchmal schwach sind und sich sehnen
nach der Liebe beider Väter, die
stark genug sind für eigene Tränen.


Oder so. Sein Emanzenquatsch ist jedenfalls Quatsch.

Ich wollte gar keine Demmlerkritik abliefern.
Sondern: Seltsamerweise denke ich seit zwei Tagen, ich müsste mal was zu Demmler machen. Mal gucken, wann der Geburtstag hat. Und dann ist es heute, und nun, wo heute gar nicht mehr heute ist, weiß ich immer noch nicht, was ich schreiben soll.
Vielleicht fällt mir noch was ein.

Neuland unterm Pflug

Eine interne 20-MB-Festplatte für IBM System /2 Modell 25 hat Western Digital, Irvine, vorgestellt. Die PS25/20I wird mit Software, Kabeln und einem Controller, der einen der beiden Erweiterungs-Steekplätze belegt, ausgeliefert. Der Preis bewegt sich um die 500 Dollar, zum Betrieb ist MS-DOS ab Version 2.0 nötig.
Computerwoche 23.10.1987

Neulich habe ich meinen Blog unangemeldet aufgemacht und es quoll mir Werbung für sehr teure Autos entgegen. Wer immer auch darüber entscheidet: Liebe Leute – meine Leser haben kein Interesse daran und auch nicht das nötige Geld.
Beide nicht.

Aber einen Liker habe ich nun und den will ich mal ordentlich zurückleiken und das geht so:

Wer ein bisschen mit Physik zu tun hat, verbindet mit dem Begriff annus miraculis das Jahr 1905. Albert Einstein hatte einen ziemlichen Lauf. Er schrieb Zur Elektrodynamik bewegter Körper und erfand damit die spezielle Relativitätstheorie. Er verdiente sich – in einem anderen Artikel – den Nobelpreis; er promovierte – zu einem anderen Thema in einem anderen Artikel – und hatte noch Zeit und Muße für zwei weitere Publikationen.

Auch das Jahr 1879 war so ein Wunderjahr für die Naturwissenschaften. Es ist das Geburtsjahr von unter anderem

Otto Hahn (Nobelpreis 1944)
Albert Einstein (Nobelpreis 1921)
Max von Laue (Nobelpreis 1914).

Lise Meitner kann man mit leicht nach hinten (bis zum 7. November 1878) schielendem Auge noch dazuzählen. Sie hat erheblichen Anteil an der Entdeckung der Kernspaltung, vor allem durch die theoretische Deutung der experimentell erbrachten Befunde. Zu seiner ewigen Schande lag auch das Nobelpreiskomitee daneben; trotz dutzender Nominierungen ging Lise Meitner beim Nobelpreis leer aus.

***

Noch ein Wunderjahr – 50 Jahre nach Einsteins annus miraculis, in seinem Todesjahr, kommen zur Welt:

Bill Gates, Gründer von Microsoft
Steve Jobs, Mitbegründer von Apple
Tim Berners-Lee, Erfinder von HTML, Begründer des World Wide Web (WWW)
Auch hier gibt es einen kleinen Ausreißer in das Jahr zuvor, also 1954:
Karlheinz Brandenburg, Mitentwickler des mp3.

Mit einer Ausnahme (Steve’s Job ist inzwischen endgültig neu vergeben) sind es Leute im besten Jungrentneralter.

***

Wie mein Bruder, Jahrgang 1955, was sonst. Der hat nicht gerade mit dem Schraubenzieher programmiert, aber noch mit Lochkarten. Er kennt noch den Kampf um jedes einzelne Bit, hat erlebt, dass nicht nur das Programmieren, sondern auch das Warten auf ein Ergebnis zeitraubend sein konnte. Die Darstellung einer Mandelbrotmenge (Apfelmännchen) dauerte Stunden bis Tage, die Berechnung der Anzahl von möglichen Pentominostellungen konnte leider nicht abgeschlossen werden, da sein Betrieb unterdessen abgewickelt wurde, die Computer wurden emotionslos entsorgt.

Will sagen, das Bild vom Analoggreis verblasst. Ja, es gibt noch Neunzigjährige, die ihren Beruf ohne Computer, ohne Internet ausgeübt haben, die DSL nicht von LSD unterscheiden können (und die, nebenbei gesagt, auch keine diesbezügliche Fortbildung brauchen, man sollte ihnen nur zuhören), aber die nachrückenden Senioren sagen: Belehrt uns nicht – wir haben’s erfunden!

***

Und davon abgesehen macht es Spaß, mal zu schauen, wer so alt ist wie man selbst. Ich habe vor ein paar Jahren festgestellt, dass ich älter bin als der damalige US-Präsident; nicht nur so schön, sondern auch so alt wie Georg Clooney, nicht nur so witzig, sondern so alt wie Jochen Malmsheimer und Urban Priol, nicht nur so musikalisch, sondern auch so alt wie Jimmy Sommerville …

… und ja – jedes Jahr ist ein Wunderjahr. Aber ich wollte gar nicht in die esoterische Schiene abgleiten, sondern sagen, ach so, oben steht’s ja.

Die Treppe hinauf, die hinabführt

Ich merke, mein Lieber, Sie sehen mich etwas sauer an wegen des bittern, spottenden Tones, womit ich zuweilen von Dingen spreche, die andern Leuten teuer sind und teuer sein sollen. Ich kann aber nicht anders. Meine Seele glüht zu sehr für die wahre Freiheit, als daß mich nicht der Unmut ergreifen sollte, wenn ich unsere winzigen, breitschwatzenden Freiheitshelden in ihrer aschgrauen Armseligkeit betrachte; in meiner Seele lebt zu sehr Liebe für Deutschland und Verehrung deutscher Herrlichkeit, als daß ich einstimmen könnte in das unsinnige Gewäsche jener Pfenningsmenschen, die mit dem Deutschtume kokettieren; und zu mancher Zeit regt sich in mir fast krampfhaft das Gelüste, mit kühner Hand der alten Lüge den Heiligenschein vom Kopfe zu reißen und den Löwen selbst an der Haut zu zerren – weil ich einen Esel darunter vermute.
Heinrich Heine

Ein Essay, eine Sammlung, ein Gedicht, titelgebend eine Phrase von – man möchte sagen biblischer Wucht, wenn es nicht so deplaziert wäre, und außerdem von Friedrich Wolf:

Kunst ist Waffe.

Außerdem Thema für vermutlich tausende Prüfungsaufsätze.

Mir kam es in den Sinn, weil mich wieder eine so wuchtig klingende Phrase anspringt, der ich gern die Luft ablassen würde:

Die Macht der Bilder.

Es gibt durchaus Bilder, von denen eine mächtige Wirkung ausgeht, Bilder von Michelangelo, Rembrandt, Picasso.
Das Foto des napalmverbrannten Mädchens Kim Phúc.
Das Foto des ertrunkenen Jungen Aylan Kurdi, entstanden übrigens vor genau fünf Jahren.
Das Foto der Rotarmisten, die auf dem Reichstag die sowjetische Flagge hissen.

Das hätten die wohl gern. Reichsdeppen kraxeln auf die Stufen des Reichstagsgebäudes, schwenken ihre Reichsflaggen und die Bilder davon gehen als Ikonen des Widerstands in die Geschichte ein. Nein, ein paar kleine Jungs schauen einer Dame unter den Rock und das ist ungehörig, aber nicht bedeutsam.

***

Warum gibt Innensenator Geisel sich so verloren? Als ob der größenwahnsinnige Wunsch, den Sturm auf Berlin zu absolvieren, tatsächlich in Erfüllung gegangen sei.

„Deppen“ ist keineswegs als Beleidigung gedacht. Es sind dumme Menschen. Politisch dumm, naturwissenschaftlich dumm und strategisch von bedrückender Dämlichkeit. Als erstes, das weiß man doch, besetzt man die Radiostationen.

Tutte le strade …

Alle Wege führen nach Rom, aber vorher werden sie noch ein paar Mal umbenannt.

Die Mohrenstraße hat ihre Schuldigkeit getan.
Karl Marx – Spitzname Mohr – wohnte kurz hier, deswegen heißt sie so.

Nein, das ist Quatsch. So genau weiß man es nicht, aber es scheint, man wollte seinerzeit damaliger Umsiedler gedenken und dazu sind Straßennamen auch da: Zum Gedenken.
Manchmal ändern sich die Umstände und das Gedenken. So heißt die Reinhold-Huhn-Straße nun lange wieder Schützenstraße. Der Schütze Rudolf Müller wurde 37 Jahre nach seiner Tat wegen Totschlags (1999, Landgericht Berlin), noch etwas später wegen Mordes (2000, Bundesgerichtshof) an Reinhold Huhn verurteilt; die noch höhere Instanz Springerverlag spricht auch 2017 noch von Notwehr. Meinungsfreiheit eben.

Aber das nur nebenbei.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass es wieder nur um Worte geht. Die junge Welt schreibt heute (22.08.2020) von einem antifaschistischen Stück, dass nicht aufgeführt werden kann, weil „die vorbildlich antirassistisch engagierten Laiendarsteller [sich weigerten], dieses Wort auf der Bühne auszusprechen. Aber wie soll das gehen? »Kommt, Kameraden, lasst uns einen farbigen Mitbürger mit Migrationshintergrund klatschen«?“

Schreibt es hinter eure Ohren: Man sagt nicht Neger oder Mohren.
Nie.
Auch nicht als Zitat, auch nicht in einem Stück, das böse Menschen und dahinter stehende Mächte entlarven will.

Helmut Baierl erzählt (Die Köpfe oder Das noch kleinere Organon), wie Helene Weigel einen Schauspieler kritisiert. Der hatte als Arbeiter oder Matrose dazusitzen und etwas in den Wirtshaustisch zu schnitzen. Das machte er gut, aber, so die Prinzipalin, das Wort, welches er geschnitzt hatte, schreibe man mit F.
Ich schreib’s gar nicht. Das ist doch ein Ausdruck. So sagten wir als Kinder. So etwas sagt man nicht. Und wenn doch, als Provokation, oder, wenn gewünscht, als Beleidigung. Dass es auch, sozusagen ganz wertfrei, etwas bezeichnen kann, ist gar nicht möglich (wenn man nicht gerade in Bayern wohnt).

Beim Mohren ging das mal, und bei allem, was danach kommt, geht es nicht mehr. Es hat immer einen Beigeschmack.

„Sach mal, ist das nicht Akono dahinten?“
„Wo, wen meinst du denn?“
„Na da, der
POC.“

Das ist jetzt besser?

Der Bayerische Rundfunk dreht eine Reportage zum Thema Rassismus (wieso eigentlich in Berlin?) und was dabei herauskommt, ist keine Ohrfeige ins Gesicht der Rassismusopfer; es ist ein kolossaler Arschtritt (Wo versteckt sich Rassismus? Eine PULS Reportage).
Ariane Alter soll wohl das blonde Dummchen spielen und das macht sie prima.
„Man, ich will das so feministisch wie möglich machen!“ – WARUM?
Sie bekommt von Coachin (haben die wirklich Coachin gesagt? Der Coach, die Coachin?) Josephine, Nachname ist vorerst nicht nötig) drei Aufgaben:
Zuerst: Nenne drei Wissenschaftlerinnen – nein, die haben WissenschaftlerInnen gesagt, das hört man als untrainierter Kerl nicht gleich.

„Madame Curie!“
„Isaac Newton, so viele Frauen fallen mir auch nicht ein, der ist auch ziemlich weiß.“
„Dann nehme ich noch, na egal, Herr Drosten.“


Sehr peinlich. Schnitt. Das senden wir nicht.
Doch. Das senden wir. Wir zeigen noch, wie sich Frau Alter blamiert bei der Aufgabe, drei schwarze Wissenschaftlerinnen zu finden und diesbezügliche Publikationen, die man – zufällig in der Berliner Stadtbibliothek – finden soll.
Und noch ein bisschen. Frau Josephine Apraku – den vollständigen Namen bekommt man irgendwann eingeblendet – erklärt uns mit derselben klinischen Distanz, mit der sie den Gebrauch eines Kondoms erklären würde, die verschiedenen Arten des Rassismus (individuell, strukturell und institutionell). Wo das herkommt, dass es eventuell etwas anderes ist als ein Charakterfehler, erfährt man so auf die Schnelle nicht.
Ich habe dann abgeschaltet, obwohl ich mir fest vorgenommen habe, die achtzehn Minuten durchzuhalten.

Das Kunstwerk findet man auch auf Youtube, obwohl einige Kommentatoren fordern, es sofort zu löschen.
Man findet unter den Kommentaren erstaunlich oft die Empörung, dass dafür „unser Geld“ ausgegeben wird, was ich kleinlich finde. Mein Bedürfnis ist ein anderes als deines, und dafür, dass möglichst jeder was zu hören und zu sehen bekommt, werfen wir unser Geld in einen Topf.
Mein Gott, im Garten gieße ich doch auch jeden Obstbaum, obwohl am Ende nicht jeder trägt.
Dann gibt es einige Schläge gegen links. Das finde ich ungerecht, denn die Reportage ist nicht links, sondern dumm. Wenn links angegriffen wird, müsste ich es verteidigen, aber das kann ich nicht, und schon wieder haben die Rechten gewonnen. Rassistische Kommentare findet man nicht. Alle gelöscht, mag sein. Der Rest ist maßlos enttäuscht von dem völlig vergeigten Versuch, etwas Gutes zu tun.

***


Der Rassismus hat seine Geschichte und damit müssen wir uns auseinandersetzen. Inwiefern die Geschichte des Anton Wilhelm Amo, der nun neuer Namenspatron der umzubenennenden Straße wird, hilfreich ist, sei dahingestellt.

Ich muss nicht immer an Baumwollplantagen oder die Tigerkäfige in Phu Quoc denken, nicht an Vertreibung, Verstümmelung, Vernichtung, nicht an Kolonialismus und Neokolonialismus, wenn ich Menschen sehe, die „irgendwie nicht von hier“ sind. Nicht mehr. Gemeinsame Arbeit, gemeinsames Lernen, gemeinsames Wohnen wirken Wunder. Auf einmal sind es Namen und nicht ethnische Besonderheiten; es gibt Eigenarten, die seltsam vertraut sind: Schussligkeiten, kleine und manchmal große Gemeinheiten, Eitelkeit, Borniertheit, schlechter Musikgeschmack, fragwürdiger Kleidungsstil …

Wer Angst hat, aus Versehen rassistisch zu agieren, muss mit Absicht etwas dagegen tun. Aber nichts Plakatives (Mein Freund ist Ausländer – was für ein Quatsch!).

Sondern:

  1. Hör auf mit dem Geduze! Wer in einer Willkommensklasse sitzt, kann zunächst nicht besser Deutsch als der nächstbeste Hellersdorfer Hauptschüler. Aber in seinem Vaterland, in ihrer Muttersprache hat er/sie vielleicht Häuser gebaut oder selbst unterrichtet. Und auch, wer nicht viel mehr geschafft hat, als fünfundzwanzig zu werden, hat Respekt verdient.
  2. Merk dir die Namen! Sage zu Евгений nicht Eugen, zu Herrn Przybilski nicht Pritzibilski, zu Ayşe nicht Eiche.
  3. Lern hallo, bitte, danke, eins, zwei, drei auf Russisch, Persisch,
    Kurdisch … je nachdem.
  4. Schnauz Zeynep an, wenn sie ihre Arbeit nicht macht. Aber frag sie nicht, ob man in ihrer Heimat so „arbeitet“. Sag Arschloch zu deinem syrischen Nachbarn, wenn du auch mit deinem deutschen Nachbarn so sprichst. Frag höflich nach Salz, wenn du es bei deinem deutschen Nachbarn auch tun würdest.
  5. Wer gerade seine Familie verloren hat, braucht Trost. Aber vielleicht nicht gerade von dir.
  6. Verzichte auf jegliche Bezeichnung, die ohne Not äußere Besonderheiten benennt. Sage nicht, natürlich nicht! Neger, Mulatte, Mischling, aber auch nicht Schwarze(r), PoC, BPoC, BIPoC – wozu auch? Er/Sie/Es hat einen Namen!
    Wenn drei Damen aus Ghana, Laos und Schweden unterwegs sind, und man weiß, welche die Mörderin ist, aber nicht, wie sie heißt, dann, ja dann kann man darauf zurückgreifen, sowie man ja auch blond, dunkeläugig, schlank usw. sagen darf. Und dann sagt man nicht Ping Pang Pung, sondern: Die gesuchte Person sieht skandinavisch aus oder afrikanisch oder asiatisch. Denn das tut sie, auch wenn sie seit dreißig Jahren in Castrop-Rauxel oder Merseburg wohnt.

Dass der Rassismus nur Spielart einer viel größeren Maschinerie ist, steht auf einem andern Blatt. Wenn ich es vollgeschrieben habe, jedenfalls. Und es muss ein sehr großes Blatt sein.


Dr. Guttenberg, Klappe, die zwote

„Ich glaube es ist nicht Talentlosigkeit, was die meisten deutschen Gelehrten davon abhält, über Religion und Philosophie sich populär auszusprechen. Ich glaube, es ist Scheu vor den Resultaten ihres eigenen Denkens, die sie nicht wagen dem Volke mitzuteilen. Ich, ich habe nicht diese Scheu, denn ich bin kein Gelehrter, ich selber bin Volk.“
(Heinrich Heine)

Wir waren bei nummerierten Dummheiten und dazu zweierlei:

Wieso, schrieb ich schon mal an anderer Stelle, ist man immer so überrascht, wenn’s im Winter schneit? Damals ging es um die Planung in Brandenburger Oberschulen und um Schüler, die aus unbekannten Storchennestern und in unbekannter Zahl plötzlich und unerwartet und zwölf- oder dreizehnjährig auf die Schreibtische der Schulämter knallten. So kann man doch nicht planen, ging die Klage, und ich postpreußisches Dummerchen meinte, dass es doch einigermaßen absehbar gewesen wäre, dass eines Tages soundsoviel Grundschulabsolventen an die Tore der weiterführenden Schulen hämmern werden.
(Heute, am 3. September 2020, erzählt mir mein Radio, dass in Brandenburg 4000 Schüler mehr beschult werden müssen, als man erwartet hat. Wie konnte das denn passieren?)

Schade, dass der Bildungsminister nicht mehr so heißt, denn den Scherz mit dem Knecht Rupprecht hätte ich gern recyclet.

Das macht aber nichts, denn die Welt ist ein Dorf, und Kalau ist überall.

***

Nicht nur, dass ich gar nicht so schlau bin, es nervt mich, dass irgendjemand so unschlau sein kann, nicht zu wissen, dass, wenn man Menschen, die gewohnheitsmäßig im Urlaub betrunken mit fremden Menschen knutschen, genau dorthin schickt, wo sie es gewohnheitsmäßig tun, es also wieder tun werden, la señorita Corona mit an Bord ist auf der Rückreise vom Balneario Nº 6.
¡Che sorpresa!

***

Früher gab es Willi Wuschkes Wortschatzkammer, heute habe ich einen Schutzpatron; der heißt Enrico Boschetti und redet zu mir im Schlaf.

„Du redest im Schlaf“, sage ich. „Mach die Augen auf, wenn du mit mir sprichts, du Penner.“
„Du sprichst ungebührlich, mein Guter. Außerdem wolltest doch du etwas von mir.“
„Stimmt“, sage ich. „Ich überlege, ob es unredlich ist, sich über den Gebrauch abgenutzter Phrasen lustig zu machen, wie ich es in meiner Lisa-Eckhart-Kolumne tat.“
„Nein“, sagt Enrico, „es ist nur hochmüthig“
„Da ist aber ein ‚h‘ zu viel“, entgegne ich.
„Das höhrt man doch nicht. Außerdem bin ich länger tot als Konrad Duden.
Jedenfalls: Die Sprache lebt.“
„Ist das lebendig, wenn man dreißig Jahre lang zum Bleistift am Teflon tschüssikowski sagt?“
„Nein“, sagt Enrico. „Ich meinte nicht lebendige Sprache, sondern lebende Sprache, das ist etwas andreas. Oh, Verzweiflung! Es ist ansteckend.“

„Ja. Und peinlich, wenn ein Kollege aus der Süddeutschen seinen Kollegen beschreibt, der dies (Glühstrumpf, kann ja Eiter werden …) gefühlte 137 Mal am Tag tut. Was für eine Pest, dieses gefühlt! Wie fühlt man sich denn da?“
„Überlegen. Aber lass es dir nicht anmerken. Schreib, so gut du kannst. Und ab und zu ein Scherzkeks auf den Lippen …“

„Jetzt ist es aber genug, Herr von Schnabelewopski. Du kannst dich verabscheuen. Mir platzt gleich der Schlepptop“

Herr Boschetti verdunstet im Nebel, und ich höre ihn noch mal kichern:
„Tschüssikowski!“

Was für ein Alptraum!


P.S. Jetzt habe ich Herrn von und zu Dingens vergessen. Ja, was solls.
Sein aufrechter und inzwischen leider schon verstorbener Vater, der mit seinen dreizehn Vornamen auch einen ziemlich breiten Perso brauchte, wird gesagt haben: So, jetzt ist es aber Enoch! Mach deinen Dokter, sonst gibt es keinen Nachtisch!